








Die Heiligen sind wie viele kleine Spiegel, in denen sich Jesus Christus betrachtet. Bei seinen Aposteln betrachtet er seinen Eifer und seine Sehnsucht nach der Rettung der Seelen; bei den Märtyrern betrachtet er seine Geduld, sein Leiden und seinen schmerzvollen Tod; bei den Einsiedlern sieht er sein verborgenes Leben; bei den jungfräulichen Menschen bewundert er seine makellose Reinheit und bei allen Heiligen seine grenzenlose Liebe. Wenn wir die Tugenden der Heiligen bewundern, tun wir also nichts anderes, als die Tugend Jesu Christi zu rühmen.
Die Heiligen waren nicht alle von Anfang an gut, aber am Ende gut.
Wenn ich hier auf Erden endgültig die Augen schließe, werden die Umstehenden sagen: Er ist tot. Aber das stimmt nicht. Für diejenigen, die mich sehen, bin ich tot. Meine Hände werden kalt, meine Augen können nicht mehr sehen. Aber den Tod gibt es nicht, denn kaum schließe ich hier die Augen, öffne ich sie in der Unendlichkeit Gottes. Wie Paulus sagt, werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, wie er ist (1 Kor 13, 12). Und das Wort aus dem dritten Kapitel des Buches der Weisheit wird seine Gültigkeit erweisen: Gott hat den Menschen unsterblich gemacht, ihn gleich seiner eigenen Natur für die Unsterblichkeit geschaffen.
Wir tragen die Unsterblichkeit also schon in uns. So ist der Tod nichts anderes als die Weiterentwicklung meiner Identität und die Vollendung meines Seins in Gott. Im Tod finde ich mich in den Armen des Vaters wieder, dessen Umarmung jedes Menschen Herz, jedes Geschöpf sehnlichst erwartet.
Jesus Christus ist Haupt der Kirche, die sein Leib ist. Er ist "Haupt" in dem neuen, eigentümlichen Sinn des "Diener-Seins", wie seine eigenen Worte bezeugen. "Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mk 10,45).
Seine ganze Fülle erlangt der Dienst Jesu mit dem Kreuzestod, das heißt mit der totalen Selbsthingabe in Demut und Liebe: "Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,7-8).
Die Autorität Jesu Christi als Haupt fällt also mit seinem Dienst zusammen, mit seiner Haltung des Schenkens, mit seiner totalen, demütigen und liebevollen Hingabe gegenüber der Kirche. All dies tat Christus in vollkommenem Gehorsam gegenüber dem Vater: Er ist der einzige wahre leidende Gottesknecht, zugleich Priester und Opfer.
Von dieser Art von Autorität, also vom Dienst gegenüber der Kirche, wird das geistliche Leben jedes Priesters als Anspruch aus seiner Gleichgestaltung mit Jesus Christus, dem Haupt und Diener der Kirche, beseelt und belebt (…). Auf diese Weise werden (…) die Priester, Modell" für die Herde sein können, die ihrerseits dazu berufen ist, gegenüber der ganzen Welt diese priesterliche Haltung anzunehmen.
Alle Aufgaben in Liebe erfüllen: Das wird uns die Schwierigkeiten überwinden helfen, die uns Tag für Tag ohne Zahl begegnen. So werden wir auch die Kraft finden, Christus in uns und in den andern das Leben zu schenken.
Für die große Mehrheit der Fälle erfüllt sich dieses “das Leben geben”, das Jesus von uns verlangt, nicht mit dem Blutvergießen, sondern im Alltäglichen, in so vielen kleinen Taten, darin, sich in den Dienst der anderen zu stellen, auch derjenigen, die aus irgendwelchen Gründen als “unter uns stehend” erscheinen könnten (…).
Dienen bedeutet “Eucharistie” für die anderen zu werden, uns in sie einzufühlen, ihre Freuden und Schmerzen zu teilen, bedeutet zu lernen, mit ihrem Kopf zu denken, mit ihrem Herzen zu fühlen, in ihr Leben einzugehen: “in ihren Mokassins zu gehen”, wie ein indianisches Sprichwort sagt.
Das scheint mir wichtig: sich dem Priestertum in der Hoffnung annähern, befähigt zu werden, für alle zu sterben und sich selbst zu sterben für die andern. Jeden Wunsch nach Wissen auslöschen, um nur Liebe zu sein. Gott ist Liebe. Wer liebt, ist. Wer nicht liebt, ist nicht.
Erkennen, dass jeder Nächste, jede Person unersetzlich ist und einmalig auf dieser Welt. (…)
Wie oft haben wir bei Paulus gelesen, dass wir ohne die Liebe nichts sind, auch wenn uns die Gabe der Prophetie gegeben wäre oder wir alle Güter verschenkten. Hier ist die Quintessenz des Evangeliums: „Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan“. Was ich dem Größten aller Pechvögel auf Erden tue, habe ich für Jesus getan.
Darin zeigt sich die Fähigkeit, die Nacht hell zu machen. (…) Wer davon überzeugt ist, hat die Entdeckung gemacht. Ihm wird klar, dass es mit der Welt schließlich doch noch gut ausgehen könnte.
Der gekreuzigte Jesus (…), der als Reicher, der er ja war, sich arm gemacht hat, der „sich entäußerte und wie ein Sklave wurde“ (vgl. Phil 2, 7), kann dem Priester die echte, christliche Haltung lehren, die er allen im anvertrauten Menschen gegenüber haben muss: die Haltung des Dienens. (…)
Das ist Christus. So will er den Priester. Dienen, „sich eins machen“ mit allen bis auf den Grund, die Sünde ausgenommen…., um möglichst viele für Christus zu gewinnen (vgl. 1 Kor 9, 19).
Mit jedem Nächsten den Dialog beginnen, Verständnis haben, alle in sein Herz einlassen.
Wenn der priesterliche Dienst von solcher Liebe getragen wird, dann wird der Priester in dem Stück Kirche, das ihm anvertraut ist, eine herrliche Blüte erleben: das Aufblühen des königlichen Priestertums. Der Heilige Geist ruft die Christen heute dazu auf, der Welt vor Augen zu führen, was dieses königliche Priestertum wirklich bedeutet. So wird es überzeugte Gläubige geben, deren Christsein sich nicht in der Erfüllung der Sonntagspflicht erschöpft, sondern die ihre Taufe leben, indem sie Augenblick für Augenblick in Christus sterben, in der Liebe zu ihm und zueinander, und in ihm auferstehen.
Angesichts des unaufhörlichen Rückgangs der Priesterzahlen in vielen Ortskirchen und der zunehmenden Nachfrage nach liturgischen Diensten besteht die ernste Gefahr, dass sich das Leben des Priesters auf eine Abfolge heiliger Handlungen beschränkt ohne tiefe persönliche Beziehungen zu seinen Nächsten.(...) Um Menschen der Gemeinschaft und des Dialogs zu werden, müssen wir jeder Person unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Denn jeder und jede ist als Sohn und Tochter Gottes von unendlichem Wert.
Gregor der Große, dessen Pastoralregel das Leben der Priester über die Jahrhunderte geprägt haben, erklärt die Fähigkeit, die unserem Dienst anvertrauten Menschen zu Gott zu führen, zur „Kunst der Künste“. Aber wie sollen wir sie führen, wenn wir uns nicht vorher darum bemüht haben, in der Liebe und Wahrheit Christi interpersonale Beziehungen aufzubauen, wenn wir unserem Nächsten nicht zugehört und uns vor jedem Menschen leer gemacht haben?
Ein edler Mensch, der selber Heimat in Gott gefunden hat, muss auch selber für ungezählt viele andere Heimat werden. Wir schenken einander eine Heimat. Heimat ist dann eine Aufgabe. Jemanden eine Heimat bereiten heißt von mir aus: selbstlos sein. Paulus spricht vom „beständigen Andrang der Menschen“. Er möchte „allen alles werden“.
Wenn es uns glückt, so uns selbstlos den Menschen zu verschenken und ihnen Heimat zu schenken, dann führen wir auch leicht zur Beheimatung in Gott. Fehlt aber etwas, so ist ein Glied der Kette nicht in Ordnung. Deshalb dafür sorgen, dass die Menschen selber einander Heimat schenken.
Du hast mich zu den Menschen gesandt. Du hast die schweren Lasten deiner Vollmachten und deiner Gnadenkräfte auf meine Schultern geladen und mich gehen geheißen in strengem, fast barschem Wort, mich fortgeschickt von dir, weg zu deinen Geschöpfen, die du retten willst, zu den Menschen.
Freilich habe ich mich schon immer unter ihnen herumgetrieben, auch bevor dein weihendes Sendungswort mich traf. Ich liebte es zu lieben und geliebt zu werden, gut Freund zu sein und gute Freunde zu haben. So bei den Menschen zu sein, ist ein leichtes und angenehmes Ding. Man geht ja nur zu denen, die man sich selbst gewählt hat, und bleibt so lange, als es einem gefällt. Nun aber ist es anders gekommen: Die Menschen, zu denen ich gesandt bin, hast du ausgewählt, nicht ich. Nicht ihr Freund muss ich sein, sondern ihr Knecht. Und wenn ich ihrer überdrüssig werde, ist das kein Zeichen zum Aufbruch mehr, wie früher, sondern dein Befehlswort, zu bleiben.
Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich, obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe, einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen.
Den Gesetzlosen war ich sozusagen ein Gesetzloser - nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi -, um die Gesetzlosen zu gewinnen.
Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.
Gott ist Liebe. Deshalb wird der Priester den Dienst an Gott nie von der tätigen Liebe zu den Brüdern und Schwestern trennen können. Zudem ist er mit der Weitergabe einer Lehre beauftragt, deren Kern das doppelte Gebot der Liebe ist: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wie kann ein Priester andern eine solche Lehre vermitteln, wenn er nicht selbst durchdrungen ist vom Zeugnis dieser Liebe?
Als Hirt der Herde Christi wird er seinen Meister nicht vergessen, der an den Punkt gekommen ist, aus Liebe sogar sein Leben zu geben. Im Lichte eines solchen Vorbildes ist sich der Priester gewiss, dass er nicht mehr über sich selbst verfügt, sondern allen alles werden und für diese Liebe jedes Opfer auf sich nehmen muss. Einem großzügigen Herzen, das den Menschen Verständnis und Sympathie entgegenbringt, wird dies gelingen.
Sich in der Schulklasse, in der Autowerkstatt, im Kulturzentrum oder in der Gemeinde wieder erkennen: Wenn ihr Glieder Christi seid, seid ihr auch untereinander Glieder. Dies ist der umwälzendste Satz, den man formulieren kann: „ihr seid untereinander Glieder“. (…)
Weil er Glied Christi ist und damit auch ihr Glied, kann Mutter Theresa von Kalkutta den Menschen, den sie, schmutzig und verachtet, draußen in der Gosse findet, bei sich aufnehmen. Den andern muss auffallen, dass wir uns wieder erkennen, und wenn sie es nicht merken, dann tun wir es auch nicht. Aber sie müssen es merken, denn dies ist unser christliches Zeugnis und unmittelbarer Ausdruck unserer Sehnsucht nach Christus.
Die Nächstenliebe besteht darin, dass ich auch den Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe. Das ist nur möglich aus der inneren Begegnung mit Gott heraus, die Willensgemeinschaft geworden ist und bis ins Gefühl hineinreicht.
Dann lerne ich, diesen anderen nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus. (…). Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe — auf Zuwendung, die ich nicht nur über die dafür zuständigen Organisationen umleite und vielleicht als politische Notwendigkeit bejahe. Ich sehe mit den Augen Christi und kann dem anderen mehr geben als die äußerlich notwendigen Dinge: den Blick der Liebe, den er braucht.
Die andern machen es uns manchmal aufgrund ihrer Grenzen und Fehler schwer, unserer heiligen Pflicht gemäß das Antlitz Jesu in ihnen zu erkennen. Dies kann unweigerlich dazu verleiten, guten Gewissens zu meinen, wir müssten uns nicht für sie interessieren, weil wir unter solchen Umständen ganz oder in Teilen von der Liebe zu ihnen befreit seien. Wir sollten aber verzeihen, wie Jesus verziehen hat. Am Beispiel des Meisters und seiner Liebe zu uns können wir lernen, dass es keine Ausreden oder Abmilderungen der Liebe geben darf. (…)
Die Fähigkeit, an allen auch eine gute Seite zu entdecken, ist die beste Gegenmaßnahme zu den weit verbreiteten negativen Tendenzen unserer Gesellschaft, die andern schlecht zu machen. Hier zeigt sich ein gutes Übungsfeld, um jeden Tag in den Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern die Liebe zu wahren.
Ein liebender Mensch ist nicht stolz: er möchte andere nicht beherrschen oder ihr Verhalten tadeln. Er spricht nicht gern über ihr Tun. Wer in der Liebe ist, hinterfragt nicht, aus welchen Gründen andere handeln. Er glaubt nie, es besser zu können und stellt sich auch nicht über seinen Nachbarn; im Gegenteil, er ist davon überzeugt, dass die andern es immer besser machen, als er selbst. Er ist nicht beleidigt, wenn andere ihm vorgezogen werden; wird er verachtet, bleibt er trotzdem zufrieden, weil er überzeugt ist, noch tiefere Verachtung zu verdienen. Seht ihr, dass weder Bildung noch Reichtum Voraussetzung sind, um Gott und den Nächsten zu lieben. Es genügt, Gott gefallen zu wollen und allen Gutes zu tun, seien sie böse oder gut, ob sie unserem Ruf schaden oder uns lieben.
Nur mit der Radikalität des Opfers können wir Zeugen der Hoffnung sein, inspiriert – wie Johannes Paul II. in der Enzyklika Redemptoris missio geschrieben hat - „an der Liebe Christi, die in Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Mitleid, Annahme, Verfügbarkeit und Interesse für die Probleme der Menschen besteht“.
Der gekreuzigte Jesus hat in seiner Solidarität mit dem Letzten, mit dem Entferntesten, dem Gott-losen, für den Apostel den Weg geöffnet, „allen alles zu sein“. Und Paulus seinerseits teilt uns Christen mit, worin wahres Apostolat besteht: jedem Menschen ohne jegliche Diskriminierung zu offenbaren, dass Gott ihm nahe ist und ihn grenzenlos liebt.
Indem wir „eins“ werden mit allen, in dem Mut, jeden Menschen, auch den scheinbar verachtungswürdigsten oder feindlichsten als „Nächsten“ und als Bruder und Schwester zu betrachten, verwirklichen wir den zentralen Inhalt der Frohen Botschaft: Im Kreuz Jesu kommt Gott jedem Menschen, der ihm fern ist, nah und bietet ihm Verzeihung und Erlösung an.
Wir müssen das Herz weit machen nach dem Maß des Herzens Jesu. Welch eine Aufgabe! Die einzig notwendige. Ist sie getan, ist alles getan. Es geht darum, jeden, dem wir begegnen, so zu lieben, wie Gott ihn liebt. Und weil wir in Raum und Zeit leben, lieben wir einen Nächsten nach dem andern, ohne innerlich dem Bruder oder der Schwester nachzuhängen, denen wir zuvor begegnet sind; in allen lieben wir ja ein- und denselben Jesus. Wenn eine Anhänglichkeit geblieben ist, haben wir wohl den Menschen, dem wir vorher begegnet sind, um unseretwillen oder seinetwillen geliebt, nicht um Jesu willen. Und da liegt der Fehler.
Unsere wichtigste Aufgabe ist, die Reinheit zu bewahren, wie sie in Gott ist, das heißt, im Herzen die Liebe zu bewahren, mit der Jesus liebt. Um rein zu sein, brauchen wir dem Herzen nichts „wegzunehmen“; wir müssen die Liebe nicht unterdrücken. Im Gegenteil: Es geht darum, dass wir unser Herz so weit machen wie das Herz Jesu und alle lieben.
Wie von Millionen Hostien auf der Erde eine einzige genügt, damit wir uns von Gott nähren, so genügt ein Mensch – der Bruder oder die Schwester, die der Wille Gottes neben uns stellt -, um mit dem Mystischen Leib Christi, mit der ganzen Menschheit zu kommunizieren.
Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet.
Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot.
Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht; da gibt es für ihn kein Straucheln.
Die Idee der Gemeinschaft als Teilhabe am Leben der Dreifaltigkeit wird mit besonderer Intensität im Johannesevangelium erhellt. (…) In der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft kann der Jünger durch die Gemeinschaft mit dem Sohn bereits an dessen göttlichem Leben und an dem des Vaters teilhaben: »Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus« (1 Joh 1,3).
Dieses Leben der Gemeinschaft mit Gott und untereinander ist das eigentliche Ziel der Verkündigung des Evangeliums, das Ziel der Bekehrung zum Christentum: »Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt« (ebd.).
Diese doppelte Gemeinschaft mit Gott und untereinander ist also untrennbar. Wo die Gemeinschaft mit Gott, die Gemeinschaft mit dem Vater, mit dem Sohn und mit dem Heiligen Geist ist, zerstört wird, wird auch die Wurzel und Quelle der Gemeinschaft, die wir untereinander haben, zerstört. Und wenn wir nicht in Gemeinschaft miteinander leben, ist (…) auch die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott nicht lebendig und wahr.
Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss.
Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um »einen, der zu mir gehört«, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann.
Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein »Geschenk für mich«.
Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder »Platz machen« können, indem »einer des anderen Last trägt« (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Mißtrauen und Eifersüchteleien erzeugen.
Ein unglücklicher Priester soll am Abend, bevor er das Priestertum aufgab, zu einem Besucher gesagt haben, der ihn beglückwünschte: “Nun bin ich nichts als ein Philosoph, also ein einsamer Mann“. So bitter die Erkenntnis war, so zutreffend war sie auch! Er hatte die Bleibe verlassen, außerhalb derer es für den Menschen nur Exil und Einsamkeit gibt.
Viele merken es nicht einmal, denn sie leben (…) „an die Welt geklammert, wie Algen an die Felsenriffe im Meer“ (Klemens von Alexandrien) (…). Oder sie suchen - beim Versuch ihren Durst zu überspielen - auf den verschiedensten Wegen einen Ersatz für die Kirche. Wer ganz tief in sich (…) den Ruf vernimmt, der ihn erweckt hat, wird erkennen, dass weder Freundschaft noch Liebe noch irgend eine der sozialen Gruppen, die sein Leben ausmachen, den Durst nach Gemeinschaft stillen kann. (…).
Kein Ding, das der Mensch sich schafft und nichts, was auf der Ebene des Menschlichen verharrt, kann ihn aus den Fesseln der Einsamkeit lösen. Sie werden, im Gegenteil, noch einschneidender in dem Maße, in dem der Mensch sich erkennt. Die Einsamkeit ist nichts anderes als der Gegenpol zur Gemeinschaft, in der seine Berufung liegt. Sie hat deren Weite und Tiefe.
Die Kirche ist Gemeinschaft, und das Heil besteht darin, in Gemeinschaft zu leben. (…)
Die moderne Kultur stellt selbst unter Beweis, dass der Mensch nur in Gemeinschaft seine eigene Wahrheit finden und seine Originalität bestätigen kann.
Dass wir geschaffen sind nach dem Abbild Gottes und ihm, dem Dreifaltigen, ähnlich, wie uns der Glaube sagt, findet seine Entsprechung in der Gemeinschaft, nicht in der Zertrennung und in der Einzigartigkeit, nicht im Durcheinander.
Für Jesus ist es unerlässlich, dass die Gemeinschaft der Christen in der Kirche sichtbar wird, „damit die Welt glaubt“; diese Gemeinschaft ist nichts anderes als die gesellschaftliche Ausdrucksform des dreifaltigen Geheimnisses und das zentrale Unterscheidungsmerkmal des Christentums gegenüber den anderen Religionen.
Auf die Einladung des Meisters Jesu Christi ist die Gemeinschaft der Jünger, welche die Kirche ist, zu einer Familie von Söhnen und Töchtern des Vaters geworden. (vgl. Mt 5, 16.45.48; 6, 26.32; 7,11).
Die vom eingeborenen Sohn vorgelebte Liebe wird zum Kennzeichen der Mitglieder dieser Familie, die aufgerufen ist, dem Beispiel des größeren Bruders durch geschwisterlichen Dienst oder Diakonie zu folgen. Denn genau dies formuliert Jesus, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe” (Joh 13, 15).
Wenngleich die Priester des Neuen Bundes aufgrund des Weihesakramentes das so überaus hohe und notwendige Amt des Vaters und Lehrers im Volk und für das Volk Gottes ausüben, so sind sie doch zusammen mit allen Christgläubigen Jünger des Herrn, die dank der Berufung durch Gott seines Reiches teilhaftig geworden sind.
Mit allen nämlich, die wiedergeboren sind im Quell der Taufe, sind die Priester Brüder unter Brüdern, da sie ja Glieder ein und desselben Leibes Christi sind, dessen Auferbauung allen anvertraut ist.
Die Priester müssen also ihr Leitungsamt so ausüben, dass sie nicht das ihre, sondern die Sache Jesu Christi suchen. Sie müssen mit den gläubigen Laien zusammenarbeiten und in deren Mitte dem Beispiel des Meisters nachleben, der zu den Menschen "nicht kam, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele" (Mt 20,28).
Die Weisheit des Evangeliums lässt keine Kasten gelten: eine bescheidene Magd kann mehr verstehen als ein Theologe; der Pfarrer von Ars mehr als der Priester und Philosoph Lamennais. „Nur einer ist euer Meister. Ihr aber seid Brüder“, hatte Jesus gesagt: damit alle Brüder sind, braucht es einen einzigen Meister, so wie es nur einen Vater gibt. Und seine Lehre ist: Alle sind Brüder und Schwestern. Sicherheitshalber hat er diejenigen mit wichtigen Aufgaben weiter unten platziert. Es gelten umgekehrte Kriterien als in der Welt, denn das Maß der Liebe ist die Geschwisterlichkeit.
Unter der Gnade Gottes führt diese Großzügigkeit zu einer radikalen Askese des Alles oder Nichts. Wer sich darauf einlässt (…), lässt sich auf das Evangelium ein: Er lässt Vater, Mutter, Felder und selbst die eigene Seele los, um die Leere mit Heiligem Geist zu füllen; er nimmt das Kreuz auf sich, um sein ‚ich’ zu zähmen.
Der Priester soll der Gemeinde nahe sein, er soll bei den Menschen leben, er soll sie verstehen und mit ihnen eins sein – aber diese Entäußerung, diese Schlichtheit des Christen unter Christen sagt nur etwas aus, bringt nur wahrhaft Christi Liebe zur Darstellung, wenn in solcher Nähe und Schlichtheit und Einfachheit die ganze Größe und Höhe der Sendung und sakramentalen Prägung durchgetragen wird.
Nur so ist der Priester das wirksame Zeichen und die Gegenwart des sich selbst entäußernden Christus.
Die Hirten stehen nicht außerhalb der Herde. Sie sind ein Teil von ihr, weil auch sie allen Anforderungen der christlichen Berufung entsprechen sollen. Ihr Amt gibt ihnen keine Handhabe dafür, sich als eine eigene Kaste zu verstehen, im Gegenteil. Es stellt sie in den Dienst der Gemeinschaft mitten unter die Menschen.
Das allgemeine Priestertum würde verfälscht, wenn man es auf die Ausübung eines individuellen Kultes reduzierte (…). Soll der christliche Kult die Welt durch die göttliche Liebe verwandeln, so muss er hierfür in erster Linie Gemeinschaft stiften und stützen. Indem es sich durch die konkrete Liebe mit dem Opfer Christi verbindet, setzt das priesterliche Volk eine Dynamik der Liebe in Gang, die in die Welt hinausströmt und sie unweigerlich verwandelt.
Diese Aufgabe, so versteht es sich von selbst, hat mehr von einem vermittelnden Dienst als von rituellen Opfern, wie sie der antike Kult kennt. Gleichzeitig bleibt unbestritten, dass sie nur durch die priesterliche Mittlerschaft Christi gelingt, welche jedoch erst angenommen werden kann, wenn sie sichtbar wird. Wir brauchen deshalb ein Amt, das sie sichtbar und wirksam zur Geltung kommen lässt.
Maria, Laie wie wir, zeigt uns, dass das Wesen des Christentums Liebe ist, dass auch jeder Priester und Bischof zuerst ganz Christ sein muss: bereit zu lieben, wie Christus uns geliebt hat, als er am Kreuz seine Kirche gründete.
Und da Maria in der Kirche das Wesentliche der Liebe zum Ausdruck bringt, nämlich das einende Element, zeigt sie der Welt die Kirche so, wie Christus sie gewollt hat und wie die Menschen sie heute erwarten: als Gemeinschaft, die von der Liebe geordnet ist. Nur wenn die Kirche diesen grundlegenden Aspekt hervorhebt, kann sie heute in rechter Weise mit der Welt in Dialog treten. Denn diese interessiert sich weniger für die Amtskirche, ist aber aufgeschlossen für das Zeugnis der Liebe von Christen, die der Welt von innen her das Leben geben sollen.
Gleichzeitig ist es notwendig, den pastoralen Ansatz zu verbessern, um unter Achtung der Berufungen und der Rollen der geweihten Personen und der Laien die Mitverantwortung aller Glieder des Volkes Gottes schrittweise zu fördern. Dazu bedarf es einer Änderung der Mentalität besonders in Bezug auf die Laien, die nicht mehr nur als »Mitarbeiter« des Klerus betrachtet werden dürfen, sondern als wirklich »mitverantwortlich « für das Sein und Handeln der Kirche erkannt werden müssen, um die Festigung eines reifen und engagierten Laienstandes zu fördern.
Das gemeinsame Bewusstsein aller Getauften, Kirche zu sein, vermindert nicht die Verantwortung der Pfarrer. Es ist eure Aufgabe, liebe Pfarrer, das geistliche und apostolische Wachstum aller zu unterstützen, die sich bereits unermüdlich in den Pfarreien einsetzen: Sie sind das Herzstück der Gemeinde, das für die anderen zum Sauerteig wird.