








Die Magna Charta der christlichen Soziallehre beginnt mit den Worten Marias im Magnifikat: “Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,52 f.).
Die größte und umwälzendste Revolution ist im Evangelium begründet. Vielleicht liegt es in den Plänen Gottes, dass Maria auch in unserer Zeit, die so sehr um eine Lösung der sozialen Probleme ringt, uns Christen beisteht beim Aufbau einer neuen Gesellschaft, die ein Zeichen ist für die Welt: einer Gesellschaft, in der das Magnifikat mächtig widerhallt.
Trotz aller Widersprüche, Widerstände und Oppositionen gibt es diesen Durst nach Gott, und uns ist die schöne Berufung zuteil geworden, zu helfen und Licht zu bringen. Darin besteht unser Abenteuer.
Gewiss, es gibt viel Unvorhersehbares, viele Komplikationen, Leiden und viele andere Probleme. Aber auch die Muttergottes wusste im Moment der Verkündigung, dass ein unbekannter Weg vor ihr lag und, da sie die Prophezeiungen vom Gottesknecht und die Heilige Schrift kannte, konnte sie erahnen, dass es viel Leid auf diesem Weg geben würde. Sie aber hat dem Wort des Engels geglaubt: Fürchte dich nicht, denn am Ende ist Gott stärker, fürchte dich auch nicht vor dem Kreuz und all dem Leid, denn letztendlich führt uns Gott, und auch diese Leiden helfen uns dabei, zur Fülle des Lichts zu gelangen.
Gibt es einen Punkt, an dem die Lebensform Gottes, die Lebensform des Priesters, die Lebensform der Kirche anschaulich wird wie in einem Zeichen, wie in einem Modell? Die Antwort: Maria (…)
Für den Priester ist dieser Blick auf Maria von besonderer Dringlichkeit. Er kann von ihr etwas lernen, was er von niemand anderem lernen kann: den Vorrang des Seins vor der Leistung, der Stille vor der Aktion, der Treue zum Ruf vor dem eigenen Planen und Unternehmen. Weil Maria in sich selbst „nichts“ ist, das Nichts der alles empfangenden und annehmenden Liebe, deswegen wird sie, ohne sich zu verlieren und zu verzetteln, allen alles.
Sie steht dort, wo des Priesters Standort ist: am Kreuz ihres Sohnes, in welchem die Liebe, die in Gott ist, sich uns überlässt und überantwortet, um uns Menschen Lebensform und Lebensinhalt, um uns Menschen Heil zu werden.
Das Priestertum verlangt eine besondere Integrität des Lebens und des Dienstes. Gerade diese Integrität ist es, die zu unserer priesterlichen Identität gehört. In ihr drücken sich gleichermaßen das große Maß der Würde und die ihr entsprechende „Verfügbarkeit“ des Priesters aus: es geht um die demütige Bereitschaft, die Gaben des Heiligen Geistes anzunehmen und die Früchte der Liebe und des Friedens an die Menschen auszuteilen. Es geht darum, ihnen jene Sicherheit des Glaubens zu vermitteln, aus der sich ein tiefes Verständnis für den Sinn des menschlichen Daseins gewinnen lässt und die Fähigkeit, die Existenz des Einzelnen und die Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in eine moralische Ordnung zu bringen.
Das Priestertum wurde uns übergeben, damit wir den Menschen unablässig dienen, so wie es Christus, der Herr, getan hat. Wir dürfen uns nicht vom Priestertum innerlich zurückziehen, trotz der Schwierigkeiten, denen wir begegnen und der Opfer, die es uns abverlangt. Wie die Apostel haben auch wir „alles gelassen, um Christus nachzufolgen“ (vgl. Mt 19, 27). Lasst uns deshalb bei ihm ausharren, auch im Moment des Kreuzes.
Innerhalb des gesamten Heilsplanes hat die Gottesmutter die Stellung der amtlichen Christusträgerin. Wo also Christus erscheint, da wird in irgendeiner Form die Gottesmutter im Gefolge sein. Wo sie erscheint, muss unbedingt Christus sein. Von Amts wegen hat sie die Aufgabe, Christus zu tragen und ihn der Welt zu schenken.
Die Weisen fanden den Heiland auf dem Schoße der Mutter. Ebenso die Hirten. Das ist nicht irgendeine Episode, das will Symbol sein. Da steht die Gottesmutter vor uns: das Ave im Ohr, das Magnifikat auf den Lippen, das Kind auf den Armen, das siebenfache Schwert im Herzen und die Geisteszungen über dem Haupte. Können wir ihr Bild schöner zeichnen?
Statt Christusträgerin können wir auch sagen: Christusgebärerin. Sie hat die Aufgabe, Christus zu gebären, wo man ihr Einfluss einräumt.
Die Mutterschaft Mariens, die mit dem "fiat" von Nazaret begonnen hat, findet ihre Vollendung unter dem Kreuz. Wenn es wahr ist, dass – wie der hl. Anselm schreibt – "Maria von dem Augenblick an, in dem sie das 'fiat' gesprochen hatte, uns alle unter ihrem Herzen zu tragen begann", dann begann tatsächlich die Berufung und mütterliche Sendung der Jungfrau gegenüber denen, die an Christus glauben, in dem Moment, als Jesus zu ihr sagte: "Frau, siehe, dein Sohn!" (Joh 19,26).
Als der sterbende Christus vom Kreuz herab die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, erkannte er die Erstlingsfrucht der neuen Familie, die in der Welt ins Leben zu rufen er gekommen war, die Keimzelle der Kirche und der neuen Menschheit.
So vollendete der Sohn Gottes seine Sendung: Geboren von der Jungfrau Maria, hat er wie wir als Mensch gelebt, in allem uns gleich außer der Sünde, und hinterließ im Augenblick seiner Rückkehr zum Vater in der Welt das Sakrament der Einheit der Menschheit (vgl. Lumen Gentium 1): die "in der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes verbundene" Familie.
Weil Jesus Maria zur Mutter eines Priesters erklärt hat und weil Maria vor allem die Mutter Jesu, des Höchsten Priesters, ist, wurde sie in besonderer Weise Mutter aller Priester. Sie ist beauftragt, das priesterliche Leben in der Kirche zu hüten, welches auf engste Weise mit dem Gedeihen christlichen Lebens verbunden ist.
Jesus hat nicht nur Maria diesen Auftrag für die Priester gegeben. Er hat sich ebenso an Johannes gewandt, um ihn in eine Mutter-Sohn-Beziehung zu Maria zu führen: „Siehe deine Mutter!“ (Joh 19, 27) Er wünschte sich, dass der Jünger Maria als die eigene Mutter wahrnähme und ihr eine besondere Zuneigung zuteil werden ließe.
Diesem Wunsch des gekreuzigten Herrn antwortete der Lieblingsjünger unverzüglich und nahm Maria zu sich. Wie die Tradition berichtet, lebte er die ersten Jahre seines apostolischen Wirkens mit ihr zusammen. Die ihm zur Mutter gegeben war, wurde ihm zu einer beispiellosen Stütze.
Sicherlich konnte Johannes eben darum solche Höhen der Kontemplation erreichen und das Wort bei Gott schauen – das Wort, das Gott ist -, weil die Mutter Gottes bei ihm wohnte.Dieses Zusammenleben und die Gemeinschaft mit ihr – die alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte (vgl. Lk 2,19) – haben ihm die Augen geöffnet. Er schaute die Kirche – ihre Zukunft, ihre Kämpfe, ihren Sieg – weil er das Urbild der Kirche vor Augen hatte.
Die Priester, die ja zum Aufbau der Kirche berufen sind, werden ihre Aufgabe am besten erfüllen können, wenn sie es im Blick auf Maria tun. Denn Maria ist das Urbild der Kirche. Wenn die Priester sich um eine enge Verbindung mit Maria, der Mutter der Einheit, bemühen, dann wird sie ihnen zeigen, wie sie in den Menschen und unter den Menschen alles auf die Liebe hinordnen können; sie wird sie lehren, den Leib Christi aufzubauen nach dem Bild jenes ewigen höchsten Dialogs der Liebe, der die Dreifaltigkeit ist. (…)
In der Verbindung mit ihr, der Mutter der Kirche, der Mutter der Einheit, werden unsere Priester und unsere Ordensmänner in der heutigen Zeit echte “Menschen des Dialogs” und Mitarbeiter an der Einheit werden, “auf dass alle eins seien” (Joh 17,21).
Kirche ist nicht Apparat (...) - Sie ist eine Frau. Sie ist Mutter. Sie ist lebendig.
Das marianische Verständnis der Kirche ist der entschiedenste Gegensatz zu einem bloss organisatorischen oder bürokratischen Kirchenbegriff. Kirche können wir nicht machen, wir müssen sie sein. Erst im marianischen Sein werden wir Kirche. Kirche wurde auch im Ursprung (...) geboren, als in der Seele Marias das Fiat erwacht war. Das ist das tiefste Wollen des Konzils: dass Kirche in unseren Seelen erwache. Maria zeigt uns den Weg.
Mit Maria, der ersten Laiin der Kirche, und ihrer [gemeinschaftlichen] Spiritualität (…) wird der typische Beitrag verstärkt, den das marianische Profil der Kirche gibt. So werden alle die Kirche schöner, heiliger, dynamischer und familiärer wahrnehmen.
Sie wird eine Kirche sein, die liebt, die Gastfreundschaft gewährt und sich verstärkt auf neue Wege einlässt: in der Ökumene, im interreligiösen Dialog und mit den Menschen ohne Glaubensbindung; in ständiger Bereitschaft, sich weiter zu entwickeln, auf neue Berufungen zu achten; eine Kirche, die charismatisch und marianisch ist, immer offener für Evangelisierung und die Weitergabe des Glaubens.
Und dies alles zur Ehre Gottes und seiner Mutter.
Nur wenn auch die Menschlichkeit des Priesters von der Liebe geprägt ist, ist sie erlöst, ist sie frei vom Druck eines bloß äußeren Muss und besteht doch auch kein Bruch zwischen den Bereichen seines Dienstes und seines Daseins als Mensch unter Menschen (…).
Stellen wir zunächst (…) einen Fragenkatalog auf, sozusagen eine „Gewissenserforschung“, die es ermöglichen soll, das Ganze des Lebens in den Blick zu nehmen, oft übersehene und ausgesparte „Ecken“ des Lebens einzubeziehen in den Gestaltungsansatz Liebe.
1. Communio: Ist mein Lebensstil auf Gemeinschaft hin angelegt? Wie gehe ich mit meinen geistigen und materiellen Gütern um? Wie habe und gebe ich?
2. Missio: Wie bin ich, wirke ich, begegne ich? Wie stimmen dienstlicher Anspruch und Lebensgestaltung überein? Geht von meinem Leben die einladende Kraft des Evangeliums aus?
3. Spiritualität: Wie glaube ich, lebe, bezeuge ich den Glauben? Gehe ich selber in den „Innenraum“ Gottes hinein und nehme ich andere in diesen Raum mit, lasse mich von anderen in ihn mitnehmen?
4. Leibhaftigkeit: Wie leide ich, leide ich mit, helfe ich, erhole ich mich? Bin ich Glied am einen Leib des Herrn, von dem gilt: Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle, wenn ein Glied sich freut, dann freuen sich alle mit? Gestalte ich mein Leben bis in die Leibhaftigkeit hinein aus der ausschließlichen und so doch gerade allen zugewandten Liebe zum Herrn?
5. Haus, Kleidung, Beheimatung: Wie wohne ich? Wie kleide ich mich? Ist meine Wohnung weder „Burg noch Bude“? Weiß sich der andere angenommen wie Christus, nehme ich wie Christus den andern auf? Hat meine Wohnung die beiden Dimensionen von clausura und hospitium, von Diskretion und Offenheit?
6. Weisheit: Nehme ich mir Zeit, die Dinge des Glaubens und der Welt, der Kirche und der Kultur aus dem Licht der göttlichen Weisheit zu sehen? Wie rede und denke ich? Wie bilde ich mich – über ein zweckbezogenes und manchmal kaum reflektiertes Benutzen von aktuellen Hilfen für meinen Dienst hinaus?
7. Kommunikation: Wie halte ich Kontakt mit anderen, mit wem halte ich Kontakt, wie und wem bin ich Freund? Kapsele ich mich ab, oder verliere ich mich in eine Fülle von Kontakten? Habe ich den Mut, beim mir zu bleiben und aus mir herauszugehen, zu den anderen hin? Ist mein Schreiben und Telefonieren, mein Reisen und Einladen von der Liebe, von der Mitbrüderlichkeit, von meiner geistlichen Verantwortung geprägt?
Der Priester ist gerufen, ein Mann des Wortes Gottes zu sein, ein großzügiger und unermüdlicher Verkünder des Evangeliums. Nur so kann er die Gemeinde wahrhaft leiten und die Geheimnisse Gottes richtig verwalten. Diese Zusammenhänge sehen wir heute, angesichts der riesigen Herausforderung einer „Neuen Evangelisierung“, noch deutlicher (…).
Es ist ein anspruchsvoller Auftrag, denn die modernen Menschen erwarten vom Priester in erster Linie das “gelebte” Wort und erst danach dessen Verkündigung. Der Presbyter muss „das Wort leben“.
Gleichzeitig muss er darum bemüht sein, sich auch theologisch auf das Wort einzulassen und es durch und durch zu verstehen, um es wirkungsvoll zu verkündigen.
Heutzutage kommt es in fast allen Lebensbereichen zu einer Fülle von Spezialisierungen. Deshalb ist die intellektuelle Bildung von großer Bedeutung. Sie ermöglicht einen intensiven und kreativen Dialog mit der modernen Gedankenwelt.
Der Priester muss freundlich sein, aber nicht anbiedernd; sanftmütig, aber entschieden, anziehend, aber Grenzen setzend, geduldig und diskret, mild ohne Übertreibungen und immer, immer klug.
Mangelhaftes Wissen schadet den Priestern sehr; sie sollten das Studium nie vernachlässigen, denn es bietet Zugang zu unerschöpflichem Tiefgang. Gute Bücher sind eine Rettung, und die Liebe zu dieser Literatur enthebt sie vieler Übel. Der Priester erlangt durch das Studium Bildung, Kompetenz und aktuelles Wissen. Dadurch kann er angemessene Ratschläge erteilen und ganz für Gott und die Menschen da sein. Wenn er sich beständig darum bemüht, sein Wissen zu erweitern, wird ihn das vor vielen Gefahren verschonen (…).
Das Studium erfordert Sammlung, eine unverzichtbare Tugend, die der Priester im Blick auf sein Inneres und auf die Beziehung mit der Welt nötig hat.
Heutzutage sind wir sehr damit beschäftigt, die Welt von außen zu betrachten. Die Kommunikationsmittel sind allgegenwärtig und aggressiv. Sie fesseln unsere Aufmerksamkeit, sie zerstreuen uns und entfremden uns von uns selbst und unserer persönlichen Verantwortung.
Also seien wir vorsichtig. Wir können die Warte der unbeteiligten Beobachter verlassen und zu Kritikern, Denkern und Meinungsführern werden. Eine reflektierende Grundhaltung ist bitter nötig für den modernen Menschen, will er nicht zu einer Mattscheibe verkommen, die tausendfacher Widerhall der auf sie einstürzenden Eindrücke ist. Wir Christen müssen die Reflexion erlernen, wenn wir „die Zeichen der Zeit“ verstehen wollen. Das Konzil (Gaudium et Spes, 4) lehrt uns, dass es zur Interpretation der “Zeiten”, also der aktuellen empirischen und geschichtlichen Situation, der wir ausgesetzt sind, das „Licht des Evangeliums“ nötig ist.
Die „Zeichen der Zeit“ entdecken ist christlicher Auftrag, der gelingt, wenn das Leben aus dem Blickwinkel des Glaubens gesehen wird.
Typisch christlich ist zweifellos das Wasserzeichen der Dreifaltigkeit, das allen unseren persönlichen wie gemeinschaftlichen Lebensbereichen eingeprägt ist. (…) Wir sollten heute wieder neu lernen, alles im Licht der Dreifaltigkeit zu sehen. (…) Das schließt auch die Errungenschaften des Geistes und der Kultur mit ein. Nur so wird der Dualismus Glaube-Leben und Kultur-Theologie überwunden. (…)
Im Licht der Weisheit der Dreifaltigkeit erscheinen diese Dimensionen nicht getrennt, denn sie ergänzen sich und sind keine Alternativen. Nur wenn unser Denken dreifaltige Züge annimmt, werden Gleichgewicht und Dialog möglich. Dass Gott einer in drei Personen ist, hat Auswirkungen auf die gesamte Schöpfung. Deshalb können wir lernen, die Dinge in ihrer gegenseitigen Bezogenheit zu betrachten, uns gemeinsam auf den Weg zu begeben und in Einheit zu leben.
Das Kreuz ist ein Buch der Weisheit, wie kein größeres zu finden ist. Wer dieses Buch nicht kennt, ist – sollte er auch noch so belesen sein – ein Ignorant.
Die echten Weisen sind diejenigen, die es lieben, es zu Rate ziehen und immer wieder darin nachschlagen…
Je mehr man in dessen Schule geht, umso länger will man dort bleiben. Die Zeit vergeht im Flug.
Man erkennt alles, was man wissen möchte und hat nie genug von dem, was man kostet.
Es besteht ein großer Unterschied, ob jemand aus der Kraft der Gnade oder aus der Kraft menschlicher Weisheit spricht.
Wer hat nicht schon erlebt, dass wortgewandte und belesene Redner, die sich gut ausdrücken und auch Zusammenhänge erkennen können, die oftmals in Kirchen gesprochen und damit auch Erfolg gehabt hatten, nicht fähig waren, nur einen ihrer Zuhörer aufgrund ihrer Worte zu echter Reue zu bewegen oder ihn im Glauben und in der Furcht Gottes zu fördern. Man geht weg, hat es genossen und doch nur mit den Ohren Erfreuliches und Angenehmes aufgenommen.
Andererseits können Redner mit geringerer Wortgewandtheit und ohne den Anspruch, eine schöne Rede halten zu müssen, mit einfachen und schmucklosen Worten viele zum Glauben bewegen, Hochmütige bescheiden machen und in den Sündern den Wunsch nach Bekehrung mächtig werden lassen. Dies ist sicherlich ein Beweis dafür, dass sie aus der Kraft der ihnen gegebenen Gnade sprechen.
Die Geistesgabe, die den Priestern in ihrer Weihe verliehen wurde, rüstet sie nicht für irgendeine begrenzte und eingeschränkte Sendung, sondern für die alles umfassende und universale Heilssendung "bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8), denn jeder priesterliche Dienst hat teil an der weltweiten Sendung, die Christus den Aposteln aufgetragen hat.
Christi Priestertum, an dem die Priester in Wahrheit Anteil erhalten haben, ist ja notwendig für alle Völker und alle Zeiten bestimmt und nicht auf Rassen, Nationen oder Zeitalter beschränkt.
In den zwei Jahren, die ich in der Ewigen Stadt geweilt hatte, habe ich Rom auf intensive Weise “erlernt”: das Rom der Katakomben, das Rom der Märtyrer, das Rom von Petrus und Paulus, das Rom der Bekenner (….).
Als ich abreiste, nahm ich nicht nur ein gewachsenes theologisches Kulturverständnis mit, sondern auch eine neue Festigkeit meines Priestertums und ein tieferes Verständnis meiner Sicht von Kirche. Das Studium in unmittelbarer Nähe der Apostelgräber hatte mich in jeder Hinsicht sehr bereichert.
Ich könnte noch weitere Details dieser entscheidenden Erfahrung erzählen. Doch ich möchte lieber zusammenfassend sagen, dass Rom dem jungen Priester eine europäische und universale Öffnung gebracht hat. Ich kam von Rom nach Krakau zurück und spürte die Bedeutung der Universalität der priesterlichen Berufung, wie sie das II. Vatikanische Konzil, insbesondere in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium, meisterhaft formuliert hat. Nicht nur der Bischof, sondern jeder Priester muss in sich die Sorge für die Kirche als ganze tragen und sich in gewisser Weise für sie verantwortlich fühlen.
In der Heiligen Schrift erscheint Moses als der Mann der großen Zahlen (…). Im Vergleich dazu erscheint Jesus als der Mann der kleinen Zahlen. Seine Aufmerksamkeit wendet sich vor allem den „Kleinen“ und den Sündern zu (…). In seiner Lehre über das Reich Gottes tauchen keine grandiosen und auffälligen Bilder auf: „Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten in die Erde steckte; es wuchs und wuchs zu einem Baum, und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen“ (Lk 13,18-19). (…)
Jesus vergleicht die kleine Schar seiner Jünger nicht mit einem Heer, das zum Kampf bereit steht oder über Siege jubelt, sondern er sagt: “Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32). Und weiter: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?“ (Mt 5,13).(…) “Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe” (Lk 10,3), sagt er zu den Seinen und fordert sie auf, ohne Geld und ohne Macht ihren Weg zu gehen (…). Fünf Brot und zwei Fische reichten ihm, um eine Menschenmenge zu sättigen.
Als „Minderheit“ ist die Kirche dazu aufgerufen, nach diesem Stil des Evangeliums zu leben, sich die Prioritäten und Vorlieben Jesu zu Eigen zu machen.
Es gibt so viele Probleme, die man auflisten kann, die alle gelöst werden müssen, die aber alle nicht gelöst werden, wenn nicht im Zentrum Gott steht, neu sichtbar wird in der Welt, maßgebend ist in unserem Leben und durch uns auch maßgebend in die Welt hinein tritt.
Daran, denke ich, entscheidet sich heute das Geschick der Welt in dieser dramatischen Situation: ob Gott da ist – der Gott Jesu Christi – und anerkannt wird, oder ob er verschwindet.
Um seine Gegenwart mühen wir uns. Was sollen wir tun? Zuletzt? Wir rufen zu ihm! Wir feiern diese Messe zum Heiligen Geist und bitten ihn: „Lava quod est sordidum, Riga quod est aridum, Sana quod est saucium. Flecte quod est rigidum, Fove quod est frigidum, Rege quod est devium.“ Wir bitten ihn, dass er bewässert, dass er wärmt, dass er aufrichtet, dass er selbst mit der Kraft seiner heiligen Flamme uns durchdringt und die Welt erneuert.
Als die Apostel mit Maria versammelt waren (vgl. Apg 1,14), kam der Heilige Geist mit Macht auf sie herab. Sie sprachen Worte des Lebens voll mitreißender Kraft und bewegten Tausende von Menschen, Jesus zu folgen. Sie tauften und bauten die Kirche auf. Mit Maria ... In ihr war die Liebe gegenwärtig. Eine neue Liebe.
Wenn wir Christen einander liebten, als ob Maria, unsere Mutter, unter uns wäre, dann, so glaube ich, verständen wir tiefer das Wort Gottes, das uns die Nachfolger der Apostel verkünden. Es würde so machtvoll in uns und in die anderen eindringen, dass in der Welt um uns eine christliche „Revolution“ entfesselt würde.
Gebet und Evangelisierung, damit wir heilig werden und der Welt und der Kirche helfen, heiliger zu sein. Gebet und Evangelisierung, damit uns der Atem von Pfingsten stark und intensiv ergreift.
Pfingsten ist „Abendmahlsaal“ und ein „öffentlicher Platz“ zugleich. Pfingsten findet immer an zwei unterschiedenen und eng miteinander verbundenen Orten statt: im „Abendmahlsaal“ beten wir und erwarten den Geist mit seinen prophetischen Gaben; auf dem „öffentlichen Platz“ verkünden wir Jesus und lassen den Glanz des Evangeliums auf unseren Lippen, in unserem Blick und in unserem Leben aufscheinen.
Ohne den Geist
wäre Gott fern,
Christus Vergangenheit,
das Evangelium ein leeres Wort,
die Kirche reine Organisation,
Autorität wäre Unterdrückung,
Mission wäre Propaganda,
Kult wäre Beschwörung
und christliches Tun Ausdruck einer sklavischen Moral.
Mit dem Geist dagegen
atmet der Kosmos auf und erleidet
die Geburtswehen des Reiches Gottes:
der Auferstandene wird gegenwärtig,
das Evangelium wird Kraftquell zum Leben,
die Kirche wird dreifaltige Gemeinschaft,
Autorität wird Dienst der Befreiung,
Mission wird zum Pfingstereignis,
Liturgie wird Erinnerung und Vorwegnahme,
menschliches Tun wird von Gott geheiligt.
Die Bruchstücke meines Wissens wurden an ihren richtigen Platz gestellt. Sie fügten sich ein in ein lebendiges Ganzes. Meine abstrakte Vorstellung von Gott wurde ersetzt durch die Erfahrung des liebenden Gottes, durch den lebendigen Gott. (…)
Der Heilige Geist hatte in meinem Denken bisher eher eine Nebenrolle gespielt. Ich glaubte an ihn mehr aufgrund der Lehre als aus Überzeugung (…). Jetzt wurde der Heilige Geist zu einer lebendigen Wirklichkeit für mich, zur Seele meiner Seele: Er, dessen Wesen Liebe ist, verbindet mich mit Gott.
Ich hatte die Liebe gefunden und fand mich gleichsam hineingestellt in den Kreislauf des Lebens der Dreifaltigkeit. Die Dogmen und mein Glaubenswissen wurden nun lebendig. Ich bewegte mich von der mit Büchern voll gestopften Bibliothek hin zur Kirche, die aus Christen besteht. (…)
Damals verstand ich, was der Herr im Johannesevangelium mit seinen Bildern des Lichts, der Wiedergeburt und des Geistes sagen wollte. Das Feuer war in mich gekommen. Der Heilige Geist hatte wie ein ungestümer Wind Nebel und Schleier hinweggefegt. Im Licht seines Feuers habe ich Gott und die Brüder neu entdeckt.
Der Heilige Geist führt unsere Seele. Ohne ihn ist nichts möglich. Wer ihn besitzt, ist wie eine Traube, die köstlichen Saft gibt. Ohne den Heiligen Geist ist die Seele hart wie Stein. Sie hat nichts zu geben.
Wer vom Heiligen Geist geführt ist, hat die wahre Einstellung. Aus diesem Grund gibt es so viele Einfältige, die den Gelehrten weit voraus sind.
Ein vom Geist angeleiteter Christ hat keine Probleme, den Gütern dieser Welt zu entsagen, um himmlische Schätze anzuhäufen. Er kann unterscheiden. Wer sich vom Geist führen lässt, für den scheint die Welt nicht zu existieren; für die Welt hingegen scheint Gott nicht zu existieren.
Das liebevolle Verständnis für die Komplexitität des Lebens im Allgemeinen und des Lebens der Kirche im Besonderen. Den strengen unbarmherzigen Ratschlägen, vielleicht sogar unter dem Vorwand der Heiligen Schrift – den Vorschriften des Evangeliums ist Folge zu leisten! – fehlt dieses wichtige Merkmal: das Verständnis für die menschliche Schwachheit und eine schrittweise Herangehensweise (…).
Den tiefen Sinn für den Rat als Geschenk. Da der Rat ein Geschenk ist, muss er aus dem Gebet heraus gefunden werden. Man kann nicht davon ausgehen, dass man ihn automatisch besitzt. Da er ein Geschenk ist, müssen wir ihn losgelöst sehen. Der Rat ist keine Waffe, mit der ich die andern vor die Wand stellen kann: Er ist ein Geschenk zum Wohl der Gemeinschaft (…).
Das Ratgeben erfordert Recherche und Kreativität. Die Angelegenheit muss nicht schleunigst auf den Weg gebracht werden etwa durch die Formulierung der erstbesten Meinung, die einem in den Sinn kommt. Es gilt, durch Berücksichtigung der Situationen und Bedingungen, echte Lösungen zu erarbeiten (…).
Der kontinuierliche Blick auf das Antlitz Jesu und der Kirche, um die es geht (…). Entscheidungen in der Kirche haben das Ziel, das Antlitz des Herrn immer deutlicher werden zu lassen (…). Eine geschwisterliche Kirche ist der Widerschein des Antlitzes Jesu und das Ziel des gesamten Weges der Kirche.
Wer bist Du, süßes Licht, das mich erfüllt
Und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?
Du leitest mich gleich einer Mutter Hand,
Und ließest Du mich los, so wüsste keinen Schritt ich mehr zu gehen.
Du bist der Raum, der rund mein Sein umschließt und in sich birgt,
Aus Dir entlassen sänk' es in den Abgrund
Des Nichts, aus dem Du es zum Sein erhobst.
Du, näher mir als ich mir selbst
Und innerlicher als mein Innerstes -
Und doch ungreifbar und unfassbar
Und jeden Namen sprengend:
Heiliger Geist - Ewige Liebe.
Der Glaube an Gott Vater, Sohn und Geist erschöpft sich nicht darin, gescheite Debatten über Gott zu führen oder ihn in schönen Feiern anzusprechen. Wenn wir nicht gewillt sind, uns die Mühe zu machen, in Gott zu leben, wird das Geheimnis der Dreifaltigkeit undurchschaubar bleiben wie ein mathematisches Rätsel.
Wie ein himmlischer Tanz vom Vater zum Sohn und vom Sohn zum Vater eröffnen die Bewegungen in Gott und die Mediation des Geistes immer neue Möglichkeiten dieser Beziehung und beschreiben auf diese Weise das zu seinem Wesen gehörende missionarische Kennzeichen des Dreieinen.
Das zweite Kapitel der Apostelgeschichte beschreibt den Höhepunkt der Urkirche, als sich das missionarische Wesen Gottes in seiner ganzen Vitalität zeigte. Das schöpferische und erlösende Werk Gottes explodiert noch einmal auf der menschlichen Bühne, immer dann wenn angesichts von Tod und Verzweiflung der Geist die Einzelnen und die ganze Gemeinschaft der Glaubenden drängt, Leben, Hoffnung und Zukunft zu erflehen.
Maria hat Elisabeth ihre außergewöhnliche Erfahrung erzählt. Im Magnifikat, womit sie diese zum Ausdruck brachte, kann man erkennen, wie Christus, der bereits in ihr lebte, den vergangenen Jahrhunderten, der Gegenwart und den künftigen Jahrhunderten Sinn verleiht (…).
Bei diesem Besuch hat Maria jedoch nicht nur die tatkräftige Liebe gelebt, sie hat auch nicht nur das Magnifikat gesungen. Die Gegenwart Christi in ihr hat in Elisabeths Schoß ihren Sohn, Johannes den Täufer, geheiligt.
Im entsprechenden Verhältnis geschieht solches auch, wenn ein Mensch (…) in Demut, Objektivität und Überzeugung etwas von der Präsenz Christi in seinem Innern weitergibt, d. h. seine eigene Erfahrung mit Gott erzählt. Häufig erhält der Zuhörende eine plötzliche Gnade, eine Umkehr, geschenkt. In dieser Erfahrung ist ja etwas enthalten, das über die einfache Geschichte eines Menschen hinausgeht. Darin kann heutzutage die Blüte eines Jahrhundertbaumes wahrgenommen werden - einer Blüte, die die Vitalität dieses Baumes, der Kirche, aussagt.