Priester in der Fokolar-Bewegung

Impulse zum Priesterjahr

März 2010

1. März 2010 - Beschütze dein Herz

Nicht einmal die Sterne sind rein vor Gott, umso weniger dann die Menschen, deren Leben eine fortwährende Versuchung ist! Wehe uns, wenn wir jedes Mal, wenn die Begierde uns anspringt, nachgeben! Mein Schwert – sagt Gott – wütet im Himmel (Jesaja 34, 5): mehr noch auf der Erde, dass sie nur noch Dornen und Gestrüpp hervorbringt.

Mein Volk, das „Gefäß der Erwählung“, durch dessen Mund Christus gesprochen hat, verletzt seinen Leib und lässt ihn zum Sklaven werden. Die natürliche Lust des Fleisches wendet sich gegen ihre ursprüngliche Intention: Das was jemand nicht will, tut er offensichtlich unter Zwang! Er ist wie einer, der Gewalt erleidet und schreit: Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? (Röm 7, 24)

Und du glaubst, du könntest leben, ohne zu fallen und ohne dich zu verletzen, wenn du nicht mit äußerster Sorgfalt darauf achtest, dein Herz zu schützen?

Hieronymus

Aus: Le Lettere IV, 125, 7, La teologia dei padri/3, Roma 1975, S. 399-400

2. März 2010 - Spielmann Gottes sein

Ich darf euch ruhig erzählen, dass der Herr mir gelegentlich viele Gnaden gewährt hat; aber für gewöhnlich gehen mir die Dinge gegen den Strich. Ich arbeite weiter in dem, was ich mir vorgenommen habe, nicht, weil es mir Spaß macht, sondern weil ich es soll, aus Liebe.

„Aber Vater“, so höre ich, „kann man denn vor Gott eine Komödie spielen? Ist das nicht Heuchelei?“ Sei beruhigt: Für dich ist der Augenblick gekommen, ein menschliches Schauspiel vor einem göttlichen Zuschauer aufzuführen. Harre aus, denn der Vater, der Sohn und der Heilige Geist blicken auf dein Spiel herab. Tue alles aus Liebe zu Gott und um Ihm zu gefallen, auch wenn es dir schwer fällt.

Wie herrlich ist es, Spielmann Gottes zu sein! Wie herrlich, in dieser Komödie eine Rolle zu spielen, aus Liebe, mit Opfergeist, ohne Selbstgefälligkeit, nur um Gott, unserem Vater, zu gefallen, der mit uns spielt. Stelle dich vor den Herrn hin und vertraue es Ihm an: „Ich habe nicht die geringste Lust, mich mit dem oder dem zu beschäftigen, aber ich will es für Dich tun.“ Und dann mache dich an diese Arbeit, auch wenn sie dir wie eine Komödie vorkommt.

Gepriesen sei diese Komödie! Du kannst sicher sein: das ist keine Heuchelei, denn die Heuchler brauchen für ihre Aufführungen ein Publikum.

Josemaría Escrivá De Balaguer

Aus: Freunde Gottes, Abschnitt 152 (Onlineversion)

3. März 2010 - In der Schwachheit getragen

Wir empfinden das Bedürfnis, Gott mit festem und demütigem Glauben immer wieder anzurufen: Herr, verlass Dich nicht auf mich! Wohl aber will ich mich auf Dich verlassen. Wenn wir dann in unserer Seele ahnen, mit welcher Liebe, welchem Mitgefühl, welcher Zartheit Jesus uns ansieht, und wie Er uns niemals aufgibt, dann begreifen wir die Worte des Apostels in ihrer ganzen Tiefe: Virtus in infirmitate perficitur (2 Kor 12,9), die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Im Glauben an den Herrn werden wir trotz unserer Armseligkeit - ja, gerade durch sie - Gott, unserem Vater, treu sein. Seine Kraft wird erstrahlen und uns in unserer Schwachheit tragen. (…)

Wenn du merkst, dass du - aus welchen Gründen auch immer - verzagst, dann sage es Ihm, überlasse dich Ihm: Herr, ich vertraue auf Dich, ich gebe mich Dir ganz hin, hilf Du meinem Unglauben!

Sage Ihm auch, voll Vertrauen: Sieh mich an, Jesus. Ich bin vor Dir wie ein schmutziger Lappen! Es ist schrecklich, wie ich gelebt habe... Ich verdiene nicht, Dein Sohn zu sein. Sage Ihm das, sag es Ihm immer und immer wieder.

Bald wirst du seine Stimme vernehmen: "Ne timeas!" - Fürchte dich nicht! Oder auch: "Surge et ambula!" - Steh auf und geh weiter deinen Weg!

Josemaría Escrivá De Balaguer

Aus: Freunde Gottes, Abschnitt 194; Im Feuer der Schmiede, Abschnitt 287 (Onlineversion)

4. März 2010 - Eine Liebe, die unser Verstehen übersteigt

Was am meisten verwundert ist, dass der Mensch gewordene Gott für uns gestorben ist (…). Man kann verstehen, dass er auferstehen muss. Man kann verstehen, dass er alles von Grund auf in Besitz nimmt, das meint ja die Himmelfahrt. Was aber schlicht unverständlich und unvorstellbar ist, was der Mensch niemals hätte erwarten können, ist, dass Gott für ihn gestorben ist. Das rührt den sündigen Menschen zutiefst.

„Simon, liebst du mich?“ Und nicht: „Du hast einen Fehler gemacht, du hast mich verraten.“ “Simon, liebst du mich?”; Das ist die große moralische Revolution, die das Christentum mit sich gebracht hat: es geht um eine Liebe, die zur Anwendung kommen will, die darum bittet, angewandt zu werden, die darum bettelt und fleht.

„Die von Christus erzeigte Liebe verzehrt uns beim Gedanken: wenn einer für alle gestorben ist, dann damit alle nicht mehr für sich selbst leben, sondern für denjenigen, der für uns gestorben und auferstanden ist“. Ich sage ganz neu: während ich mich dafür verzehre, dass mein Ideal in den andern aufscheint, werde ich selber an das Ideal erinnert, an die Leidenschaft, die mein Herz drängt, wirklich meinen Teil zu tun.

Luigi Giussani

Aus: Parole ai preti, SEI, Torino 1996, S. 69-70

5. März 2010 - Die dunkle Nacht der Seele

Gott verfolgt mit unserem Leben eine Absicht, welche nicht von der Lebensdauer abhängt (…). Es werden Zeiten kommen, in denen wir auf Gott echt wütend sind; oder auch niedergeschlagen oder vollkommen enttäuscht, weil Gott nichts für uns zu tun scheint….

Diese Zeiten des nicht mehr Verstehens („die dunklen Nächte der Seele“ wie die Mystiker sie nennen) können unsere Beziehung zu Gott tiefer werden lassen.

Wenn ich Gott nur lobe, solange die Sonne scheint, fehlt meinem Glauben vielleicht die Tiefe.

David Watson

Aus: David Watson: A Biograhpy, Hodder, Sevenoaks 1992, S. 229

6. März 2010 - Der Schmerz – der entscheidende Zugang

Die tiefe Begegnung mit Christus ist möglich im Schmerz. Ohne den Schmerz können wir Christus in der Tiefe nicht kennen lernen und können ihm auch nicht in der Tiefe begegnen.

Warum eigentlich durch den Schmerz? Der Grund ist klar: wenn wir uns selbst nicht öffnen, können wir Christus nicht begegnen. Wir können Christus nicht begegnen, es sei denn, wir machen uns leer und wir öffnen uns. Uns öffnen und einen Raum in uns frei machen, wird begleitet von einem heftigen Schmerz des Herzens, das durchbohrt wird von einem scharfen Schwert.

Um den Ewigen aufzunehmen, muss eine Grenze aufgebrochen werden.

Kardinal Stefan Kim

Aus: Fede e Amore del cardinale Stefano Kim Sou Hwan, Seoul 1997, S. 60-61

7. März 2010 - Leiden, indem man liebt

Es gibt zwei Weisen des Leidens: mit oder ohne die Liebe. Die Heiligen hatten im Leiden Geduld, Freude und Durchhaltevermögen, weil sie liebten. Wir leiden manchmal voller Wut, Trotz oder auch Langeweile, weil wir nicht lieben. Liebten wir Gott, wären wir glücklich, leiden zu dürfen aus Liebe zu dem, der es auf sich genommen hat, für uns zu leiden (…).

Ihr meint, das sei hart? Nein, es ist lieblich, trostreich und leicht. Es ist ein Glück… Es ist notwendig, im Leiden zu lieben, also zu leiden, indem man liebt.

Wer dem Kreuz entgegen geht, schreitet im umgekehrten Sinn auf die Kreuze zu: er begegnet ihnen und freut sich darüber, er liebt sie und trägt sie voller Mut. Die Kreuze vereinen uns mit unserem Herrn, sie reinigen uns und lösen uns von dieser Welt. Sie entfernen jegliches Hindernis aus dem Herzen und helfen uns, durchs Leben zu kommen, so wie eine Brücke über das Wasser hilft.

Pfarrer von Ars

Aus: Primavera nell’anima. 100 pagine del Curato d’Ars, Città Nuova, Roma 2006, S. 29, 39

8. März 2010 - Liebe und Schmerz, Schmerz und Liebe

Was die Seelen auf der Erde wirklich fruchtbar sein lässt ist der Schmerz, aufgrund der unendlichen Liebe, die ihm für den Himmel Wert verleiht.

Im Leben der Seele ist die Liebe Schmerz und der Schmerz ist Liebe. Die Liebe hat ihre Wurzel im Schmerz, aber nicht weil sie im Vater begründet ist, dem Prinzip aller Dinge. Im Gegenteil, die Liebe hat ihre Wurzel im Schmerz, weil der Schmerz als eine Konsequenz der Sünde ausgelöscht und erlöst wurde von der fruchtbaren Liebe des Vaters. Diese vernichtet allen Schmutz und erhebt alles, was sie berührt und verwandelt es in Liebe und mit Recht selbst den Schmerz. Die Liebe hat ihre Wurzeln in der Liebe, denn das Kreuz ist der Altar des Schmerzes, der erlöst, der Altar der Liebe, die fruchtbar ist und rettet (…).

Wie viele unterschiedliche Formen der Entsagung muss ein Priester auf sich nehmen, wenn er alle seine Verpflichtungen erfüllen und sich und andere heiligen will.

Wenn sie [die Priester] sich bewusst machen, dass der Schmerz die Fruchtbarkeit des Vaters auf sie herab zieht, mit welch brennendem Herzen würden sie das Kreuz umarmen.

Conchita Cabrera De Armida

Aus: Sacerdoti di Cristo, Città Nuova, Roma 2008, S. 231

9. März 2010 - Göttliche Gemeinschaft, menschliche Gemeinschaft

Ich bin in höchster Weise ganz Person, wenn ich voller Freiheit und in vollem Bewusstsein den andern bejahe, auch um den Preis meines Lebens. Jesus drückt diese Dynamik mit folgenden Worten aus: „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben gibt für die andern.“ Mit andern Worten: Niemand ist so sehr ein Ich, so sehr Person wie der, der um die Transzendenz des andern zu wahren sich selbst überschreitet und loslässt.

Was das Gesetz der göttlichen Gemeinschaft ist, wie es uns von Jesus offenbart und vorgelebt wurde, ist – anders kann es nicht sein – auch das Gesetz der menschlichen Gemeinschaft und jeder Form des Lebens. Jesus selbst hat uns geholfen, dies zu verstehen: Das Weizenkorn ist nicht es selbst, wenn es nicht zur Ähre wird. Es wird aber nur zur Ähre, wenn es eine Art Tod erleidet. So heißt es eben: „Wer nur daran denkt, sein Leben zu retten, wird es verlieren. Wer bereit ist, es herzugeben, …wird es retten.”

Silvano Cola

Aus: Scritti e testimonianze, Gen’s, Grottaferrata 2007, S. 63

10. März 2010 - Die erlösende Kraft des Leidens

Wer Christus angehört, der muss das ganze Christusleben durchleben. Er muss zum Mannesalter Christi heranreifen, er muss (…) nach Gethsemani und Golgotha.

Und alle Leiden, die von außen kommen können, sind nichts im Vergleich zu der dunklen Nacht in der Seele, wenn das göttliche Licht nicht mehr leuchtet und die Stimme des Herrn nicht mehr spricht. Gott ist da, aber er ist verborgen und schweigt.

Christi Leiden und Tod setzt sich fort in seinem mystischen Leib und in jedem seiner Glieder. Leiden und sterben muss jeder Mensch. Aber wenn er lebendiges Glied am Leib Christi ist, dann bekommt sein Leiden und Sterben durch die Gottheit des Hauptes erlösende Kraft.

So wird der Christusverbundene auch in der dunklen Nacht der subjektiven Gottferne und -verlassenheit unerschüttert ausharren; vielleicht setzt die göttliche Heilsökonomie seine Qual ein, um einen objektiv Gefesselten zu befreien. Darum: Fiat voluntas tua! Auch und gerade in der dunkelsten Nacht.

Edith Stein

Aus: Dein Herz verlangt nach mehr, hrsg. von A. Sondermann, Düsseldorf 2009, S. 137

11. März 2010 - Verletzlichkeit des Priesters

Suchst du einen Seismographen für die Erschütterungen der Zeit? Für die positiven wie negativen Entwicklungen des Bewusstseins unserer Epoche, für die Gefährdungen wie neue Aufbrüche? Es ist das Bild des Priesters.

Er ist gewissermaßen das Herz des Herrn, das von ihm selbst hineingehalten wird in die Geschichte der Menschheit. Und mit dieser ungeheuren Berufung zur doppelten Sensibilität für den Herrn und für die Menschen, mit denen er sich eins machen, denen er nahe sein will, ist auch eine hohe Verletzlichkeit verbunden.

Klaus Hemmerle

Aus: Der Priester heute, der Ordensmann heute, hrsg. von Hagemann/Blaumeiser, S. 57

12. März 2010 - Gemeinschaftliche dunkle Nächte

Trotz allen Fortschritts erlebt der moderne Mensch, als Einzelner und in Gesellschaft, Abgründe der Verlassenheit, die Versuchung des Nihilismus und die Absurdität vielfältiger körperlicher, moralischer und geistlicher Schmerzen.

Die dunkle Nacht ist eine Prüfung, in der das Geheimnis des Bösen greifbar nahe kommt. Sie verlangt nach einer Offenheit für den Glauben. Gelegentlich kann sie epochale Dimensionen und kollektive Ausmaße annehmen (…). Johannes vom Kreuz lädt uns aufgrund seiner Erfahrungen ein, das Vertrauen nicht zu verlieren und uns von Gott läutern zu lassen; mit einem Glauben, der von Hoffnung und Liebe durchzogen ist, kann in der Nacht ein „Schimmer der Morgenröte“ ausgemacht werden; sie kann hell werden wie die Osternacht (…).

Mögen die dunklen Nächte, die sich im Bewusstsein der Einzelnen und der Gemeinschaft der Menschen unserer Zeit verdichten, im reinen Glauben durchlebt werden, in einer Hoffnung, „die so viel erreicht, wie sie erhofft“ und kraft des Geistes mit glühender Liebe. So werden sie sich für unsere Schmerz geprüfte Menschheit in strahlende Tage verwandeln und in einen Sieg des Auferstandenen, der frei macht aus der Kraft seines Kreuzes!

Johannes Paul II.

Aus: Feier zu Ehren des Johannes vom Kreuze, Segovia, 4. November 1982

13. März 2010 - Das “Gesicht” der Sünde

Um dem Menschen das Angesicht des Vaters zurückzugeben, musste Jesus nicht nur das Gesicht des Menschen annehmen, sondern sich sogar das »Gesicht« der Sünde aufladen. »Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden« (2 Kor 5,21).

Wir werden mit der Erforschung der abgründigen Tiefe dieses Geheimnisses nie zu Ende kommen. An diesem Paradoxon stößt man an. Es tritt in dem scheinbar verzweifelten Schmerzensschrei zutage, den Jesus am Kreuz ausstößt: »Eloì, Eloì, lema sabactani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34).

Kann man sich eine größere Qual, eine undurchdringlichere Finsternis vorstellen?

Johannes Paul II.

Aus: Novo millennio ineunte, Nr. 25

14. März 2010 - Sich „eins machen“ wie Jesus

Es hat den Sohn Gottes nicht wenig gekostet, sich aus Liebe mit uns eins zu machen. Er hat wirklich „den andern gelebt“. Er ist Mensch geworden: Jesus wird wie wir geboren als Jude unter Juden, in der jüdischen Kultur. Er lebt, arbeitet, weint, ist müde, er leidet am Leib und an der Seele. Er bietet Gott sogar das schreckliche Gefühl dar, von ihm verlassen zu sein, er ist zunichte geworden, er stirbt. Und so ist er alle Stufen hinab gestiegen, auf denen sich die Menschheit befindet, um sie ganz in sein Herz aufzunehmen und zum Vater zu führen.

Auf ihn schauen wir (…) und er zeigt uns, wie man denen Gott bringen kann, die ihn noch nicht kennen oder einen andern Gott zu kennen glauben. „Sich eins machen“ mit ihnen; sich die verschiedenen, oft so reichen Kulturen, die manchmal tausendjährigen Traditionen, ganz zu Eigen machen und in ihnen den Keim der Frohen Botschaft aufgehen zu lassen.

Und schließlich der Dialog mit allen Menschen der Welt: mit Atheisten, Materialisten, Terroristen, Drogenabhängigen, Dieben, Mördern….. der gekreuzigte Jesus erinnert im Schrei seiner Verlassenheit an all diese Menschen. Die Liebe zu ihm gibt dem Priester neuen Schwung, um heraus zu finden, wie und worüber er mit ihnen im Dialog stehen kann: Jesus ist als Arzt für die Kranken gekommen.

Chiara Lubich

Aus: Der Priester heute, der Ordensmann heute, hrsg. von Hagemann/Blaumeiser, S. 22 f.

15. März 2010 - Das Leiden Gottes mitleiden

“Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?” fragt Jesus in Gethsemane. Das ist die Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet. Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mit zu leiden.

Er muss also wirklich in der gottlosen Welt leben und darf nicht den Versuch machen, ihre Gottlosigkeit irgendwie religiös zu verdecken, zu verklären. (…)

Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.

Das ist die „Metanoia“ , nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sondern sich in den Weg Jesu Christi mit hineinreißen lassen, in das messianische Ereignis, dass Jes 53 nun erfüllt wird! (18.7. 44)

Dietrich Bonhoeffer

Aus: Widerstand und Ergebung , München 1951, S. 180

16. März 2010 - Du bist mein einziger Reichtum

Am Kreuz hat Jesus durch den Schrei der Verlassenheit die Menschen wieder mit Gott und untereinander vereint. Durch seine Passion und seine Verlassenheit hat er das bewirkt. (…) Obwohl er sich total vom Vater getrennt fühlte, fügte er hinzu: „In deine Hände lege ich meinen Geist“. (…)

Deshalb sollten auch wir jedes Mal, wenn wir mit einem Schmerz konfrontiert werden, der dem seinen gleicht, uns so verhalten: nicht untätig sein, nicht im Trauma, im Riss bleiben, sondern darüber hinausgehen durch die Liebe. (…)

Wenn wir in einem Schmerz den verlassenen Jesus erkennen, sammeln wir uns und sagen ihm: “Du bist mein einziger Reichtum.“ Und im nächsten Augenblick tun wir den Willen Gottes, der gerade ansteht. Wir sind zum Beispiel für den Nächsten da, der uns begegnet. (…)

Wir können den verlassenen Jesus nicht nur in unserem kleinen persönlichen Schmerz lieben. Nein, alles Leid der Welt gehört dir, weil du Christ bist und Christus nachfolgen willst.

Chiara Lubich

Aus: Gesù crocifisso e abbandonato: l’unità si fa stile di vita, Gen’s 29 (1999/4-5) S. 110-112

17. März 2010 - Das Wesentliche in Freude und Schmerz

Wenn wir im Leben der Liebe den Punkt erreichen, dass unsere Seele schreit: “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?”, und wenn wir dann trotzdem weiter lieben, berühren wir etwas, das kein Unglück mehr ist und auch keine Freude, sondern der zentrale, wesentliche, reine und nicht greifbare Kern, den Freude und Schmerz gemeinsam haben: die Liebe, die Gott selbst ist.

Simone Weil

Aus: L’avventura di uno sguardo puro, Città Nuova, Roma 2001, S. 96

18. März 2010 - Alles ist hineinbezogen in das Leben Gottes

Die Begegnung mit dem verlassenen Jesus ist Sakrament säkularer Gottbegegnung heute. Ihr Zeichen sind die Verlassenheiten, Ausweglosigkeiten, Abgründe, die in uns und um uns sind – das in diesen Zeichen Vermittelte ist die Liebe Gottes, die dies alles von innen her annimmt und verwandelt.

Die Wirkung ist neue Begegnung mit dem Menschen, neue Gemeinschaft miteinander, neues Zugehen auf die Welt aus der neuen Gemeinschaft mit Gott heraus. (…)

Weil Jesus alles Menschliche, alle Last und Schuld der Welt auf sich genommen hat, deshalb gibt es nichts in der Geschichte, was grundsätzlich außerhalb des Lebens Gottes läge: Alles ist hineinbezogen in dieses Leben Gottes, alles zur Sache des Gesprächs zwischen Vater und Sohn, der unbedingten Liebe zwischen Vater und Sohn gemacht.

Klaus Hemmerle

Aus: Wegmarken der Einheit, München 1982, S. 38, 44

19. März 2010 - Das Geheimnis der Größe

Hier liegt das Geheimnis für die Größe des hl. Josef, das sich mit seiner Demut gut paart: er hat sein Leben als Dienst und Opfer am Geheimnis der Inkarnation und dem sich daraus ergebenen Erlösungsauftrag verstanden; er hat die gesetzmäßige Autorität, die ihm über die heilige Familie zustand, dazu verwandt, sich selbst, sein Leben und seine Arbeit ganz für sie hinzugeben; er hat seine natürliche Berufung zur häuslichen Liebe in eine übernatürliche Hingabe seiner Person, seines Herzens und all seiner Talente verwandelt und in eine Liebe, mit der er dem Messias diente, der seinem Haus entsprossen ist, dem Namen nach sein Sohn und Sohn Davids, aber in Wahrheit der Sohn Marias und Sohn Gottes.

Sollte es je angebracht sein, die evangelische Auszeichnung „Diener aus Liebe“ zu verleihen, so müssen wir sie dem hl. Josef zusprechen. Sie bekleidet ihn, sie ist das Profil, das ihn ausmacht, und der Glanz, der ihn verherrlicht; Christus zu dienen – darin bestand sein Leben. Ihm in größter Demut dienen, in vollkommener Hingabe, ihm dienen mit Liebe und aus Liebe.

Paul VI.

Aus: Predigt, 19. März 1966

20. März 2010 - Ein Dienst an der Gemeinschaft schlechthin

Bischöfe, Presbyter und Diakone (…) sind in Bezug auf Amt und Alter von höherem Rang. Sie haben dennoch ein waches Bewusstsein dafür, dass sie wie alle andern sind, dass sie Brüder sind und bleiben und dass sie, gerade weil sie höher gestellt sind, nichts anderes als Diener sind.

Ihre Aufgabe ist ihr Amt und das ist gleichbedeutend mit Dienst: ein Dienst an der Gemeinschaft schlechthin. Dafür haben sie oft ihre Besitztümer und ihre Familien gelassen und sich Christus geschenkt, der in der größeren Familie lebt und tätig ist, nämlich in der Kirche.

Igino Giordani

Aus: Il messaggio sociale del cristianesimo(1960), Città Nuova, Roma 2001, S. 379

21. März 2010 - Die geheime Versuchung der Macht

Eng verbunden mit der Frage des Dienstes in der Kirche ist auch die Frage nach der Ausübung von Autorität. Kurz gesagt: Autorität darf in der Kirche nicht verwechselt werden mit Herrschaft über andere. Sie ist im Gegenteil ein Dienst an der Gemeinschaft. (…).

Jesus hat unmissverständlich klar machen wollen, dass Autorität ein Dienst ist, der sich darin ausdrückt, anderen die Füße zu waschen. (…). Es ist eine der menschlichsten Versuchungen, über andere herrschen zu wollen. Das Verlangen nach Macht und Prestige kann auch uns Hirten immer wieder in Versuchung führen.

Diese Versuchung ist deshalb so gefährlich, weil sie sich gerne hinter tausend Vorwänden versteckt, und so ertappen wir uns bei der Ausrede, dass wir der Gemeinschaft eben deshalb so gut dienen können, weil Gott uns diese oder jene Fähigkeit gegeben hat.

Kardinal Claudio Hummes

Aus: Sempre discepoli di Cristo, San Paolo, Milano 2002, S. 121

22. März 2010 - Was steht im Zentrum?

Die Gemeinschaft will jeden Moment neu errungen sein.

Ein Augenblick der Nachlässigkeit kann sie zerstören;

Es reicht eine Nichtigkeit,

ein liebloser Gedanke,

ein beharrlich verteidigtes Urteil,

eine sentimentale Anhänglichkeit,

eine falsche Ausrichtung,

persönliches Interesse oder Ehrsucht,

eine um ihrer selbst willen und nicht

für den Herrn vollzogene Handlung (…).

Hilf mir, Herr, dass ich mich prüfe,

wo das Zentrum meines Lebens ist.

Bist du es oder bin es ich?

Wenn du es bist, sammelst du alle in Einheit.

Wenn sich die Menschen um mich herum zerstreuen und verlieren,

ist das ein Signal, dass ich mich ins Zentrum gestellt habe.

Kardinal François-Xavier Nguyen Van Thuan

Aus: Preghiere di speranza. Tredici anni in carcere, San Paolo, Cinisello Balsamo 1997, S. 44-45

23. März 2010 - Durchsichtigkeit

Weil das Amt so leicht als eine unangreifbare Festung benützt werden kann, weil der Prediger dialoglos von der Kanzel redet (was eine höchst gefährliche zwischenmenschliche Situation ist) und er allzu leicht diese Situation als die für ihn normale in seinem Verhältnis zu den Mitmenschen ansieht, darum gibt es für den Priesterstand eine entlarvende Psychologie, der jeder Amtsträger immer wieder ins Gesicht blicken müsste, ob sie nicht doch auf ihn zutrifft (…). Die priesterliche Lebensform kann nur im reinen, naiven Glauben und somit aus der Kraft Christi gelebt werden, jede Rückbiegung auf sich selbst treibt die Angst hervor, die sich sogleich notwendig hinter dem Amt verschanzt und die „Würde“ hervorkehrt.

Die Würde liegt darin, dass Christus im Priester solche Durchsichtigkeit schafft, dass dieser als reiner Diener den über ihm stehenden Herrn durchsichtig werden lassen kann. Je mehr er deshalb dient, umso besser gelingt die Durchsicht.

Hans Urs von Balthasar

Aus: Sponsa Verbi, Einsiedeln 1961, S. 410 f.

24. März 2010 - Das Gesetz des Lebens und der Gemeinschaft

Ich habe verstanden, dass der gekreuzigte und verlassene Jesus „der grundlegende Sinn des Lebens“ ist, weil er uns in genau diesem Moment die Wahrheit über seine Beziehung zum Vater enthüllt hat und damit das Gesetz des Lebens und der Gemeinschaft, das darin besteht, „das Leben zu geben“ um zu sein (…).

Man muss es ihm gleich tun. Obwohl er Gott war, hat er sich daran gemacht, den Aposteln die Füße zu waschen; obwohl er mit Vollmacht gesprochen hat, hat er keine Form der Macht, weder gesellschaftlicher noch geistlicher Art, in Anspruch genommen; er hat kein anderes Recht beansprucht als jenes Mittler zu sein, wie es ihm von Natur her zustand: also dem Vater bis in den Tod als Sohn zu gehorchen und für die Menschen als Bruder zu sterben.

Silvano Cola

Aus: Scritti e testimonianze, Gen’s, Grottaferrata 2007, S. 20-21

25. März 2010 - Ein immer neues “fiat”

Jeden Tag werden mir die Worte aus der Schrift ein Stück klarer: ”So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind (…) meine Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55, 9). Ich erkenne, dass mein Leben beständig aus einer Abfolge von Entscheidungen für Gott oder für die Werke Gottes besteht. Die immer neue Entscheidung heißt Bekehrung.

Maria hat sich für Gott entschieden und ihre eigenen Pläne vernachlässigt, ohne im Bilde zu sein über das Geheimnis, das sich in ihrem Leib und in ihrem Leben vollzog. Ihr Leben wurde von da an zu einem immer neuen fiat, vom Stall zu Bethlehem zur Flucht nach Ägypten und von der Werkstatt des Tischlers in Nazareth bis nach Golgotha.

Es geht immer um dieselbe Entscheidung: „Gott – nicht die Werke Gottes“. Und auf diesem Weg sieht Maria alle Versprechen wahr werden: ihr Sohn, den sie blutleer in ihren Armen gehalten hat, steht von den Toten auf, die Jünger sammeln sich und bringen das Evangelium zu allen Völkern. Sie selbst wird über die Generationen hinweg als „Mutter Gottes“ angerufen, dabei hatte sie unter dem Kreuz erleben müssen, wie ihr göttlicher Sohn ausgetauscht wurde durch einen von uns, einen einfachen Menschen.

Kardinal François-Xavier Nguyen Van Thuan

Aus: Testimoni della speranza, Città Nuova, Roma 2008, S. 63

26. März 2010 - Wie in den Armen einer Mutter

Wenn jemand leidet, ist es wichtig, dass der Verantwortliche sich so verhält, dass niemand sich scheuen muss, ihm die innersten Probleme anzuvertrauen.

Wer sich wie ein wehrloses Kind den Wellen der Versuchungen gegenüber sieht, muss sich auf den Hirten verlassen können wie auf die Arme einer Mutter.

Wen das Böse zu vergiften droht, möge in seinem aufbauendem Rat die Kraft finden, um sich in den Tränen des Gebetes zu reinigen.

Gregor der Große

Aus: Synodalbrief 44-45

27. März 2010 - Verlassene Beichtstühle?

Die Priester dürften niemals resignieren, wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen.

Zur Zeit des heiligen Pfarrers war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen, da der eisige Sturm der Revolution die religiöse Praxis auf lange Zeit erstickt hatte. Doch er versuchte auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarrei die Bedeutung und die Schönheit der sakramentalen Buße neu entdecken zu lassen, indem er sie als eine mit der eucharistischen Gegenwart innerlich verbundene Notwendigkeit darstellte. Auf diese Weise verstand er, einen Kreislauf der Tugend in Gang zu setzen. Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, dass die Gläubigen begannen, es ihm nachzutun; (…)

Man sagte damals, Ars sei „das große Krankenhaus der Seelen“ geworden.

Benedikt XVI.

Aus: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres, 16. Juni 2009

28. März 2010 - Dialog des Heils

Vom heiligen Pfarrer von Ars können wir Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen in das Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum unserer pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des „Dialogs des Heils“, der sich darin vollziehen muss. Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise.

Wer zu seinem Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den „Strom der göttlichen Barmherzigkeit“ einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt. (…)

Er ließ die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er sie zwang, das im Gesicht des Beichtvaters gleichsam verkörperte“ Leiden Gottes wegen der Sünden mit eigenen Augen zu sehen.

Wer sich dagegen voll Verlangen und fähig zu einem tieferen geistlichen Leben zeigte, dem öffnete er weit die Tiefen der Liebe, indem er ihm erklärte, wie unbeschreiblich schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben.

Benedikt XVI.

Aus: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres, 16. Juni 2009

29. März 2010 - Der Lehrstuhl

Christus hat die gesamte Realität des menschlichen Sterbens in sich aufgenommen. Gerade deshalb hat er die Art und Weise, das Leben zu verstehen, auf eine neue Basis gestellt. Er hat aufgezeigt, dass das Leben ein Durchgang ist. Es endet nicht an der Grenze des Todes, sondern führt in ein neues Leben.

So wurde das Kreuz für uns zum höchsten Lehrstuhl der Wahrheit über Gott und den Menschen. Wir alle dürfen Hörer dieses Lehrstuhl sein, „ob regulär eingeschrieben oder als Gäste“. Dann werden wir begreifen, dass das Kreuz auch die Wiege des neuen Menschen ist.

Johannes Paul II.

Aus: An die römischen Studierenden, 5. April 1979

30. März 2010 - Seine Messe, unsere Messe!

Wenn du leidest und dein Leiden so groß ist,

dass es dich an jeder Tätigkeit hindert,

dann denke an die Messe.

In der Messe, damals wie heute,

arbeitet und predigt Jesus nicht:

Er opfert sich aus Liebe.

Im Leben kann man vieles tun und vieles sagen,

doch die Stimme des Schmerzes,

stumm vielleicht und von keinem beachtet,

aber aus Liebe geschenkt,

ist das eindringlichste Wort:

Es erschüttert den Himmel.

Wenn du leidest,

versenke deinen Schmerz in seinem:

Feiere deine Messe!

Wenn die Welt das nicht versteht,

soll es dich nicht verwirren.

Jesus, Maria und die Heiligen verstehen dich,

das genügt.

Lebe mit ihnen,

gib dein Blut zum Segen für die Menschheit –

wie Jesus.

Die Messe ist zu groß, um verstanden zu werden!

Seine Messe, unsere Messe.

Chiara Lubich

Aus: Alle sollen eins sein, München, 2.Auflage, 1999, S. 30

31. März 2010 - Einander vergeben

Worin besteht dieses »uns einander die Füße waschen«? Was bedeutet es konkret? Es ist so: Jedes gute Werk, das wir für andere Menschen tun – besonders für die Leidenden und für diejenigen, die gering geachtet werden – ist ein Dienst der Fußwaschung. Dazu ruft uns der Herr: herabzusteigen, Demut und Mut zur Güte zu lernen sowie die Bereitschaft, die Ablehnung zu akzeptieren und trotzdem der Güte zu vertrauen und in ihr zu beharren.

Aber es gibt noch eine tiefere Dimension. Der Herr nimmt unsere Unreinheit durch die reinigende Kraft seiner Güte weg.

Uns einander die Füße zu waschen bedeutet vor allem, einander unermüdlich zu vergeben, immer wieder zusammen einen neuen Anfang zu machen, so unnütz es auch erscheinen mag. Es bedeutet, einander zu reinigen, indem wir uns gegenseitig tragen und es zulassen, dass die anderen uns tragen; einander zu reinigen, indem wir uns gegenseitig die heiligende Kraft des Wortes Gottes schenken und uns in das Sakrament der göttlichen Liebe einführen.

Benedikt XVI.

Aus: Gründonnerstag, 13. April 2006

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