








Die priesterliche Berufung ist ein Geheimnis. Sie ist das Geheimnis eines „wunderbaren Tausches“ - admirabile commercium – zwischen Gott und dem Menschen. Dieser stellt Gott sein Menschsein zur Verfügung, damit Er sich dessen als Werkzeug der Erlösung bedient, fast als würde Er diesen Menschen zu sich selbst machen. Wer das Geheimnis dieses „Tausches“ nicht begreift, wird nicht verstehen, dass ein junger Mann auf das Wort „Folge mir!“ alles liegen lässt, um mit Christus zu gehen und sich sicher ist, dass er auf diesem Weg seine Verwirklichung finden wird.
Der Priester ist ein Mann Gottes, er ist der Diener des Herrn; er vollbringt seine natürlichen Fähigkeiten übersteigende, transzendente Handlungen, und weil er in persona Christi wirkt, durchdringt ihn eine höhere Tugend, die ihn, in Demut und Herrlichkeit zugleich, in gegebenen Momenten zu einem wirksamen Werkzeug macht. Er ist Träger des Geistes. Zwischen ihm und der göttlichen Welt spannt sich eine einzigartige Beziehung, fließen göttliche Überantwortung und Vertrauen. Doch der Priester empfängt dieses Geschenk nicht für sich, sondern für andere: die geistliche Dimension ist ganz und gar der apostolischen Dimension zugeordnet, also der Sendung und dem priesterlichen Dienst. Wir wissen: Der Priester lebt nicht für sich, sondern für die andern. Er gehört zur Gemeinde. Dieser Aspekt des priesterlichen Lebens wird heute am leichtesten verstanden. Die Existenz des Priesters erklärt sich durch den Dienst, den er der Gesellschaft, insbesondere der kirchlichen Gesellschaft, erweist. Die Welt braucht ihn. Nicht weniger die Kirche.
Etwas oder jemanden weihen bedeutet, diese Sache oder diese Person Gott übergeben, sie aus dem uns zugehörigen Bereich herauslösen und seiner Atmosphäre überlassen. Sie gehört damit nicht mehr zu uns, sondern ganz und gar Gott (…). Im Alten Testament war die Überlassung einer Person an Gott, also ihre „Heiligung“ gleichbedeutend mit der Priesterweihe. Somit drückte sich darin auch das Wesen des Priestertums aus: es stand für einen Wechsel des Besitzers, d. h. ein ganz der Welt genommen und Gott gegebenes Sein. Hier werden die beiden Richtungen angesprochen, die den Prozess der Heiligung und der Weihe ausmachen. Es ist wie ein Heraustreten aus dem Kontext des Lebens der Welt und ein „sich frei Halten“ für Gott. Aber gerade deshalb liegt keine Absonderung vor. Sich Gott überantworten heißt vielmehr, für andere stehen. Der Priester wird den Bindungen der Welt enthoben und Gott geschenkt und genau dann, von Gott aus, wird er verfügbar für die andern, für alle.
Das allgemeine und das Amtspriestertum müssen Hand in Hand gehen. Wenn wir unseren Dienst ausüben, opfern wir in Einheit mit dem Opfer Christi auch uns selbst. Für unsere Person ist das allgemeine Priestertum entscheidender als das Amtspriestertum. Das letztere ist ein Geschenk Christi wunderbarer Art an die Kirche und keine uns persönlich zur Verfügung stehende Wirklichkeit. Das Amtspriestertum steigert auch nicht unseren persönlichen Wert. Es geht vielmehr darum, dass wir – wie jeder Gläubige – gerufen sind, uns selbst zu verschenken. Es darf aber nicht vergessen werden, dass diese Übung zur Verlebendigung des allgemeinen Priestertums eine besondere Form für uns annimmt: die der seelsorgerlichen Liebe. Das allgemeine Priestertum bedeutet also Verlebendigung der Liebe, für uns Verlebendigung der Hingabe in der Pastoral. So verschmelzen gewissermaßen in unserem Leben allgemeines Priestertum und Amtspriesterum.
Der Priester steht also zwischen dem ewigen Gott und der Menschheit. Und was soll er denn nun tun? Die Weisheit Gottes, die Wahrheit des lebendigen Gottes den Menschen vom lieben Gott bringen. Was soll er tun? Die Erbarmungen Gottes, die Geheimnisse des lebendigen Gottes, wie sie in den Sakramenten symbolhaft enthalten sind, die soll er zu den Menschen bringen. Und auf der andern Seite die Wünsche der Menschen, die Bedürfnisse der Menschen, die Sünden der Menschen, die Freuden der Menschen, die Leiden der Menschen, all das zum lieben Gott bringen(…). Homo Dei, Mann Gottes; das ist der Priester. Alles wieder mit dem lebendigen Gott verbinden und vereinen, das ist seine große Sendung, seine große Lebensaufgabe zu allen Zeiten, aber eine überaus wichtige, überaus schwierige Aufgabe in der heutigen Zeit.
Unter den göttlichen Worten Jesu findet sich auch eines, das schwindlig machen könnte, denkt man daran, dass es ein Gott ausgesprochen und damit die besondere Qualität einer Wahl verdeutlicht hat. Es handelt von einem paradoxen, aber zugleich wahren, geheimnisvollen Vergleich. Christus meint diejenigen, die im Laufe der Jahrhunderte seine Priester sein würden, als er sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, sende ich euch“. Wer ist also der Priester? Er ist von Christus erwählt, ihn in der Zeit fortzuführen. Manchmal entspricht der Priester diesem Auftrag nicht. Aber wenn der Priester nicht Christus ist, was ist er denn dann? Seine Ansprachen sind inhaltslos, und die Kirchen entvölkern sich. Denn Christus gab sich selbst in seinem Wort. Wenn der Priester zunächst lebt, was er predigt, und erst danach spricht, wird sein Wort zu Christus, und auch er selbst wird ein anderer Christus sein. Seine Ansprachen werden die Menschen anziehen, die Kirchen werden wieder besucht. Denn den Priester macht weniger die wissenschaftliche Gelehrsamkeit aus, als vielmehr das von der Liebe verlebendigte Charisma.
Der Priester kündigt das Reich Gottes an, das auf dieser Welt beginnt und zu seiner Fülle gelangt, wenn Christus kommt am Ende der Zeiten. Um des Dienstes an diesem Reich willen gibt er alles auf, um seinem Herrn zu folgen. Ein Zeichen für diese völlige Hingabe ist der Zölibat, der eine Gabe Christi selbst ist und Garantie für eine opferbereite und freiwillige Hingabe im Dienst der Menschen. Der Priester ist ein Mann Gottes. Er kann nur in dem Umfang Prophet sein, in dem er die Erfahrung des lebendigen Gottes gemacht hat. Nur diese Erfahrung macht ihn zum Träger eines Wortes, das stark genug ist, um das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft in Übereinstimmung mit dem Ratschluss des Evangeliums zu verwandeln. Das Gebet in allen seinen Formen, und insbesondere das Brevier, das die Kirche dem Priester anvertraut, hilft ihm, diese Gotteserfahrung aufrecht zu erhalten, die er mit seinen Brüdern teilen muss. Gleich dem Bischof verkündigt der Priester in Gemeinschaft mit ihm das Evangelium, feiert das heilige Opfer und dient der Einheit.
Innerhalb des Mysteriums der Kirche als Geheimnis trinitarischer Gemeinschaft in missionarischer Spannung offenbart sich jede christliche Identität und somit auch die spezifische Identität des Priesters und seines Dienstes. (…) Man kann die im Wesentlichen „relationale“ Kennzeichnung der Identität des Priesters so verstehen: Durch das Priestertum, das der Tiefe des unaussprechlichen Geheimnisses Gottes (…) entspringt, ist der Priester sakramental in die Gemeinschaft mit dem Bischof und mit den anderen Priestern eingebunden, um dem Volk Gottes, das die Kirche ist, zu dienen und alle zu Christus hinzuführen, dem Gebet des Herrn entsprechend: „ (…) damit sie eins sind wie wir (…).“ Man kann also das Wesen und die Sendung des Priestertums des Dienstes nur in diesem vielfältigen und reichen Zusammenspiel von Beziehungen bestimmen, die aus der innergöttlichen Trinität kommen und sich in die Gemeinschaft der Kirche, als Zeichen und Werkzeug in Christus für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit, hinein fortsetzen.
So sollen alle Jünger Christi ausharren im Gebet und gemeinsam Gott loben (vgl. Apg 2,42-47) und sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen (vgl. Röm 12,1); überall auf Erden sollen sie für Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von der Hoffnung auf das ewige Leben, die in ihnen ist (vgl. 1 Petr 3,15). Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen hingegen wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung mit und üben ihr Priestertum aus im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.
So hat jede [Modalität, nach der die universale Berufung zur Heiligkeit gelebt werden kann] von ihnen eigene und unverwechselbare Züge und steht doch in Beziehung zu den anderen und in ihrem Dienst. Der Laienstand hat im Weltcharakter seine Spezifizität. Er dient der Kirche dadurch, dass er den Stellenwert der irdischen Wirklichkeiten im Heilsplan Gottes Priestern und Ordensleuten bezeugt und präsent macht. Das Amtspriestertum repräsentiert die bleibende Garantie der sakramentalen Präsenz Christi, des Erlösers, zu allen Zeiten und an allen Orten. Der Ordensstand gibt Zeugnis vom eschatologischen Charakter der Kirche, das heißt von ihrem Ausgerichtetsein auf das Reich Gottes, das durch die Gelübde der Jungfräulichkeit, der Armut und des Gehorsams in gewisser Weise vorweggenommen und gekostet wird. Alle Lebensstände, zusammen oder einzeln genommen und in ihrer Beziehung zueinander betrachtet, stehen im Dienst des Wachstums der Kirche und stellen verschiedene Modalitäten dar, die ihre Einheit zutiefst »im Geheimnis der communio« der Kirche finden. Sie müssen bei der Erfüllung der einen Sendung harmonisch und dynamisch zusammenwirken.
Die guten Hirten leben in der Einheit, sie sind eines Sinnes. Wenn sie die Schafe weiden, tut es Christus in ihnen. Die Freunde des Bräutigams erheben nicht ihre Stimme, aber sie freuen sich, wenn sie seine Stimme hören. Wenn sie die Herde weiden, ist es Christus, der sie weidet. Deshalb kann er sagen: „Ich weide meine Herde.“ Denn in den Hirten spricht er und liebt er. Gehen wir zu Petrus. In dem Moment, in dem Christus ihm die eigenen Schafen anvertraut, wollte er ihn so mit sich verbinden, dass bei der Übergabe der Schafe der Herr immer das Haupt bliebe und Petrus den Leib repräsentiere, also die Kirche, und dass, wie Braut und Bräutigam, „zwei zu einem Fleisch“ würden. Was erfragt er zuvor? „Petrus, liebst du mich?“ Und Petrus: “Ja, ich liebe dich”. Und nochmals: „Liebst du mich?“ Und Petrus: „Ja, ich liebe dich“. Und zum dritten Mal: „Liebst du mich?“ Und Petrus: „Ja, ich liebe dich“. Er bestätigt die Liebe um die Einheit zu stärken. Wenn alle in der Einheit sind, ist in solchen Hirten der Eine Hirte präsent, der die Schafe weidet.
In dem Maße, in dem wir Priester zum Leben und zur Sendung Jesu gerufen sind, gilt unser Dienst auch einer Kirche, die sich am Leben der Dreifaltigkeit ausrichtet. (…) Der Priester ist ein - wie Jesus - dreifaltig lebender Mensch. Gleich ihm ist er gerufen, ein neues Leben zu verkünden und zu fördern, das nicht nur Offenbarung des Einen und Dreifaltigen Gottes ist, sondern Mitteilung göttlichen Lebens und einer Existenz der Agape, die Maßstab menschlichen Zusammenlebens sein will. (…) Wir Priester „sammeln die Familie Gottes als vom einen Geist durchdrungene Gemeinde von Geschwistern“ (LG 28). (…) Doch wie soll das gelingen, ohne darin Experten zu sein, ohne unter uns Gliedern des Presbyteriums die dreifaltige Gemeinschaft zu erfahren? Daher - wie dasselbe Dokument ergänzt - sind „die Priester alle einander in ganz enger Brüderlichkeit verbunden“. (…) Wir wollen nicht zulassen, dass diese „sakramentale Brüderlichkeit“ eine leere Formel bleibt, die nichts mit unserem Leben zu tun hat.