








Kontemplative Existenz bedeutet: Überall durchblicken auf Gott, überall sich berühren und bewegen, sich halten und erfüllen lassen von dem gegenwärtigen Gott, vom Gott in Gott, vom Gott in der Welt, vom Gott in der Kirche, im Miteinander – anders gewendet: vom Gott über und in uns, vom Gott draußen und drunten, vom Gott dazwischen, in der Mitte. Es gilt zu ihm durchzustoßen und bei ihm zu bleiben: Kontemplation als Vorstoß ins „absolute Zwischen“, als Verweilen in ihm und in ihm beim Herrn. (…)
Sicher, solches “kontemplative” Verweilen in Gott braucht Zeit. Wir scheinen sie nicht zu haben. Aber läuft uns die Zeit nicht vielmehr davon, wenn wir die Zeit hierzu nicht aufbringen? Je mehr ich zu tun habe, desto mehr brauche ich Zeit zum Gebet. Und dann entdecke ich: Wenn ich Zeit verwende und verschwende für das Verweilen in Gott, dann geschieht etwas wie eine „wunderbare Zeitvermehrung“. Ich habe durch die für Gott verschenkte Zeit mehr Zeit, zumindest: bessere, offenere, liebendere Zeit zu verschenken an die anderen.
Das Gebet oder das Gespräch mit Gott ist ein überaus hohes Gut. Es bedeutet in der Tat innige Gemeinschaft mit Gott. Wie die Augen im Körper selbst hell werden, wenn sie das Licht schauen, so wird auch die Seele, die sich auf Gott hin ausstreckt, erleuchtet vom unaussprechlichen Lichtstrahl des Gebetes.
In diesem Fall darf das Gebet nicht der Gewohnheit folgen, sondern muss einem Impuls des Herzens entspringen. Es darf nicht auf bestimmte Zeiten oder Stunden begrenzt sein, sondern muss Tag und Nacht erblühen. Wir dürfen uns nicht nur dann an Gott wenden, wenn wir mit wachem Geist beim Gebet sind.
Auch wenn wir mit anderen Dingen beschäftigt sind, ob für die Armen oder aus Großzügigkeit für andere Menschen, sehnen oder erinnern wir uns an Gott, damit alles mit göttlicher Liebe schmackhaft sei und dem Herrn als wohlschmeckendes Gericht dargeboten werde. Wir können immer, ja unser ganzes Leben daraus Vorteil gewinnen, wenn wir soviel Zeit wie möglich dieser Art des Gebetes widmen.
Wenn wir die Hand in eine Schüssel mit Wasser tauchen,
wenn wir ein Feuer mit Bambusstäben schüren,
wenn wir endlose Zahlenkolonnen am Tisch des Buchhalters schreiben,
wenn wir von der Sonne versengt in den Schlamm eines Reisfeldes einsinken,
wenn wir zur Arbeit vor dem Brennofen eines Gießers verdammt sind,
und dann nicht genau dasselbe religiöse Leben pflegen wie beim Gebet im Kloster,
wird die Welt nicht gerettet werden.
Wüssten wir, wie sehr uns der Herr liebt, wir würden vor Freude sterben! Ich glaube, es gibt kein Herz, das so hart sein kann, die Liebe zu verweigern, wenn es diese Liebe Gottes erfährt….
Das größte Glück auf Erden ist es, Gott zu lieben und uns von ihm geliebt zu wissen.
Vereint mit Jesus Christus in der Vereinigung mit dem Kreuz: darin liegt unsere Rettung!
Sich von Gott geliebt wissen, mit Gott verbunden sein…. vor den Augen Gottes leben, für Gott leben: was für ein schönes Leben … was für ein schöner Tod… Alles im Angesicht Gottes tun, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen…. wie schön!!
Der Mensch hat eine großartige Aufgabe: beten und lieben….. darin liegt das Glück des Menschen auf Erden.
Das persönliche Gebet ist durch nichts zu ersetzen, denn es kommt für jeden der Zeitpunkt, Gott in einer geistlichen Begegnung persönlich zu erfahren. Das kann in der Abgeschiedenheit des eigenen Zimmers oder vor dem Tabernakel in einer Kirche genauso wie unter einem Baum, auf dem Gipfel eines Berges oder am Meeresstrand erfolgen. Sogar beim Autofahren kann es eintreffen.
Es kann bei der Messe geschehen. Während der Vorbereitung oder beim Tagesgebet, nach den Lesungen oder der Predigt und sicher nach der Kommunion oder beim Dankgebet nach der Eucharistie.
Unser persönliches Gebet muss diese Qualität haben: es muss aus dem Herzen fließen. Mit Worten oder ohne. Vorformulierte Gebete geistlicher Meister oder Heiliger können hilfreich sein, um das persönliche Gespräch mit Gott aufzunehmen, aber sie reichen nicht aus.
Gott bedient sich unserer als seiner lebendigen Werkzeuge, als seiner Diener und somit seiner Interpreten: Wir sind das Echo seiner Stimme, sein Tabernakel, das geschichtliche und gesellschaftliche Zeichen für sein Mitsein in der Menschheit, das ausstrahlende Feuer seiner Liebe zu den Menschen. Diese wunderträchtige Tatsache verpflichtet uns zur ersten und schönsten Aufgabe unseres priesterlichen Lebens: mit Christus im Heiligen Geist innig verbunden zu sein und damit mit Dir, Vater (vgl. Joh 16, 27); wir bedürfen eines authentischen persönlichen inneren Lebens, das nicht nur sorgsam im Stande der Gnade zu bewahren ist, sondern auch ganz bewusst ausgedrückt werden soll im freizügigen Akt des vollen Bewusstseins, des intensiven im Gespräch Seins und der liebenden, kontemplativen Offenheit. Das von Jesus beim letzten Abendmahl wiederholte Wort: „Manete in dilectione mea“ (Joh 15, 9; 15, 4; etc.) gilt uns. In diesem Verlangen nach Vereinigung mit Christus und mit der von ihm für die göttliche und menschliche Dimension geschenkten Offenbarung zeigt sich die typische Grundhaltung des zum Repräsentanten Christi bestimmten Priesters.
Liebe Priester, wir können nie genug betonen, wie grundlegend und entscheidend unsere persönliche Antwort auf den Ruf zur Heiligkeit ist. Dies ist nicht nur die Bedingung dafür, dass unser persönliches Apostolat Frucht bringt. Es ist zugleich auf noch umfassendere Weise die Bedingung dafür, dass das Antlitz der Kirche das Licht Christi widerspiegelt (vgl. Lumen gentium, 1) und dass die Menschen dazu geführt werden, den Herrn zu erkennen und anzubeten.
Der Bitte des Apostels Paulus, sich mit Gott versöhnen zu lassen (vgl. 2 Kor 5,20), müssen wir zuallererst in uns selbst entsprechen und den Herrn aufrichtigen Herzens und entschlossenen und mutigen Sinnes bitten, alles von uns fernzuhalten, was uns von ihm trennt und was der Sendung, die wir empfangen haben, widerspricht. Wir sind gewiss, dass der Herr barmherzig ist und uns zu erhören weiß.
Das Gebet entspringt der Heiligkeit Gottes und ist gleichzeitig Antwort auf diese Heiligkeit.
Ich habe einmal geschrieben: „Das Gebet formt den Priester, und der Priester formt sich über das Gebet. “Ja, der Priester muss vor allem anderen ein Mann des Gebetes sein, der davon überzeugt ist, dass die dem intensiven Gespräch mit Gott vorbehaltene Zeit immer optimal angelegt ist, weil sie nicht nur ihm selbst, sondern seiner apostolischen Arbeit dient.
Jesus hat nicht nur am öffentlichen und verordneten Gottesdienst teilgenommen. Vielleicht noch häufiger als davon berichten die Evangelien von einsamem Gebet in der Stille der Nacht, auf freier Bergeshöhe, in der menschenfernen Wüste.
Vierzig Tage und Nächte des Gebetes gingen der öffentlichen Wirksamkeit Jesu voraus. Ehe er seine zwölf Apostel auswählte und entsandte, zog er sich zum Gebet in die Bergeseinsamkeit zurück. Durch seine Ölbergstunde bereitete er sich auf den Gang nach Golgotha vor. Was er in dieser schwersten Stunde seines Lebens zum Vater empor rief, ist uns in einigen kurzen Worten offenbart worden. „Vater, wenn du willst, so lass diesen Kelch in mir vorüber gehen: Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Sie sind wie ein Blitz, der für einen Augenblick das innerste Seelenleben Jesu vor uns aufleuchten lässt, das unergründliche Geheimnis seines gottmenschlichen Seins und seiner Zwiesprache mit dem Vater. Sicherlich war diese Zwiesprache eine lebenslange, niemals unterbrochene.
Meine Seele ist sehr krank. Nach meiner Rückkehr aus Rom gestern wurde ich nur mit Schwierigkeiten konfrontiert: Probleme im Seminar, Probleme mit der Kongregation für die Heiligsprechung und anderes. Ich bekam Kopfweh. Da fiel mir ein, dass eigentlich nicht ich der Bischof dieser Diözese bin, der wahre Bischof ist Jesus. Wenn er mir die Probleme aufhalst, wird er mir auch zu den Lösungen verhelfen.
Natürlich muss ich meinen Teil tun. Ich muss ein Werkzeug seiner Wahrheit, Güte und Liebe sein. Am Abend habe ich entschieden den Vorsatz erneuert, die Heiligkeit anzustreben. Ich darf mich im Gebet nicht ausruhen wie ich es bisher tat. Ich muss sterben, jeden Tag. Jeden Tag mit Christus sterben.
Wenn ich mir das vornehme und befolge, dann vereinfachen sich die Probleme. Streben wir die Heiligkeit an. Auch der Papst hat uns Bischöfen im Mai darauf hingewiesen.
Man könnte denken, die alt gewordene Welt sei von der Last der Jahre erdrückt worden, sodass die Klarheit des Glaubens vernebelt wurde, der Eifer mannhafter Taten erlahmte und das Leben der Menschen unsicher und schwankend dahin glitt…
Gott, der die Menschen liebt, hat aus seiner tiefen Barmherzigkeit heraus Abhilfe geschaffen und seiner Kirche neue Orden geschenkt, damit diese den Glauben stützen und auch Orientierung für die Erneuerung des Lebens liefern. Ich würde nicht zögern, die neuen Gründer und ihre wahren Anhänger Licht der Welt und Lebensmeister zu nennen, die den Weg weisen. (…)
So hat der barmherzige Gott der Welt auch die verehrungswürdige Jungfrau Klara geschenkt und durch sie allen Frauen ein helles Licht; und du, Heiliger Vater, hast sie in den Kreis der Heiligen aufgenommen und damit dieses Licht auf den Leuchter gestellt, damit es allen leuchte, die im Hause sind.
Die Männer mögen somit den neuen Jüngern des eingeborenen Wortes folgen und die Frauen sich Klara zum Vorbild nehmen, die ein Abbild der Muttergottes und ein neuer Leitstern für die Frauen ist.
Alle Wünsche, die mich ablenken,
bei Tag und bei Nacht
sind im Grunde eitel und leer.
Wie die Nacht in ihrem Dunkel
die Sehnsucht nach Licht verborgen hält,
so hallt in der Tiefe meines Herzens,
ohne mein Wissen,
ein Schrei wider:
Ich möchte Dich, nur Dich!
Wie das Unwetter nach Ruhe verlangt,
während es noch gegen die Ruhe kämpft,
mit all seiner Macht,
so rebelliere ich und kämpfe
gegen Deine Liebe an,
doch mein Schreien sagt. Ich will Dich, nur Dich!
Der Christ zählt immer nur auf Gott und nie auf sich selbst. Ja, die Gerechten sind bewahrt geblieben, weil sie gebetet haben ….
Wir merken ja selbst, dass wir, sobald wir das Gebet vernachlässigen, sofort den Geschmack an den Dingen Gottes verlieren: Wir denken nur an diese Welt. Und wenn wir zum Gebet zurückkehren, spüren wir in uns wieder die Gedanken und die Wünsche nach den Dingen des Himmels aufkeimen.
Ja, wenn wir das Glück haben, in der Gnade Gottes zu leben, werden wir uns unter das Gebet stellen. Andernfalls könnte es passieren, dass wir den Weg des Himmels nicht lange durchhalten.
Der Hungerbunker besiegelte nicht die Niederlage Gottes, sondern er wurde zu seinem Tabernakel, als ob Gott sich in das demütige Herz eines Franziskaners eingeschlichen und so in die Hölle gelangt sei. Es war wichtig für die andern, dass Pater Kolbe mit ihnen im Bunker war. Es gelang ihm, ihnen den Frieden zu geben. Sie beteten laut mit ihm. Es war wie in einer Kirche.
Die Häftlinge starben nacheinander. Als noch drei am Leben waren, unter ihnen Pater Kolbe bei Bewusstsein, schickte die SS jemand, um ihnen eine Phenolspritze zu setzen.
Ein Augenzeuge berichtet: „Ich sah wie Pater Kolbe im Gebet von sich aus den Arm hinhielt. Kaum waren die SS-Leute weg, ging ich zu ihm hinein. Die Leiber der anderen lagen ausgestreckt am Boden, in ihren Gesichtern das erlittene Leid. Pater Kolbe saß. Sein Körper war rein und strahlend. Seine Augen waren offen, sein Gesicht war klar, gelassen und leuchtend. Kolbe hatte seinen Arm mit den Worten: 'Ave Maria!' hingehalten."
Das waren seine letzten Worte.
Eines Tages betrat ich in eine Kirche, und voll Vertrauen wandte ich mich an Jesus: „Überall auf Erden bist du in der heiligen Eucharistie gegenwärtig geblieben. Warum hast du, allmächtiger Gott, keinen Weg gefunden, uns auch Maria zu lassen, unser aller Mutter auf dieser Pilgerschaft?“
In der Stille glaubte ich seine Antwort zu vernehmen: „Ich habe sie euch nicht gelassen, weil ich sie in dir aufs neue sehen möchte. Ihr seid zwar nicht unbefleckt, aber meine Liebe wird euch rein und jungfräulich machen. Du, ihr alle werdet mit der Liebe einer Mutter eure Arme und Herzen für die Menschheit öffnen. Heute wie damals sehnen sich die Menschen nach Gott und nach seiner Mutter. Jetzt kommt es euch zu, Schmerzen zu lindern, Wunden zu heilen und Tränen zu trocknen. Singe die Litanei und finde dich in ihren Anrufungen wieder!“
Euer Handeln wird in dem Maß gelingen, wie ihr in den Dingen des Geistes zum Wachstum kommt. Tatsächlich ist es das innere Leben, das dem Apostolat Kraft verleiht, denn darin liegt das Fundament der Heiligkeit für den, der sich für das Evangelium einsetzt: Es wappnet ihn gegen die Gefahren des äußerlichen Dienstes, stärkt und vervielfacht seine Energien, gibt ihm Trost und Freude, festigt seine lauteren Absichten, ist ihm ein Schild gegen die Mutlosigkeit, ist unabdingbar für die Fruchtbarkeit seines Handelns, zieht den Segen Gottes auf sich, heiligt den Apostel und erfüllt ihn mit übernatürlicher Ausstrahlung.
Gott möchte durch Jesus den Taten Leben verleihen. Als der göttliche Meister sagte «Ego veni ut vitam habeant» (Joh 10, 10), «Ego sum via, veritas et vita» (Joh 14, 6), wollte er seinen Aposteln damit ein grundlegendes Prinzip ins Bewusstsein meißeln. Nur einer, Jesus, ist das Leben. Um an diesem Leben teilzuhaben und es andern weiterzugeben, müssen sie mit dem Gott-Menschen innig verbunden sein.
Iesum sequens, sacerdos, “dispensator mysteriorum Dei”, is ipse est, cum “pro aliis” est. Oratio dat ei peculiarem lenitudinem in hos “alios”, eumque facit attentum ad eorum necessitates, ad eorum vitam et ad eorum sortem. Oratio sinit sacerdos agnoscat eos, quos “Pater dedit ei”. Hi sunt imprimis quos Bonus Pastor collocat, ut ita dicamus, in itinere eius servitii sacerdotalis, eius curae pastoralis. (…) Sunt qui, spiritu vicini, parati sunt ad cooperationem apostolicam; sed etiam longinqui, absentes, frigidi, quorum multi tamen possunt in statu cogitationis et indagationis versari.
Quales oportet esse “pro” his omnibus - et “pro” unoquoque eorum - Christi exemplum sequentes? quales esse “pro” his, quos “Pater dat nobis”?, eos nobis curandos demandans? Nostrum testimonium semper erit testimonium amoris - quod testimonium est nobis accipiendum, ante omnia in campo orationis. (…)
Cumque hoc testimonium videbitur nostras excedere vires, meminerimus quae evangelista dicit de Iesu in Gethsemani: “Factus in agonia prolixius orabat” (Luc. 22, 44).
Der Priester muss sich den himmlischen Vater zum Vorbild nehmen, denn auch er ist ein Vater durch seine Fruchtbarkeit und seine Liebe zu den Menschen, mit allen Kennzeichen des Vaters im Himmel, durch dessen Impuls er erschaffen worden ist.
Er muss sich den Sohn zum Vorbild nehmen, also mich, das Mensch gewordene Wort, indem er sich in mich verwandelt. Das bedeutet, mich nicht nur nachahmen, sondern auch auf Erden ein anderer Jesus sein, um den Vater durch jede Handlung zu verherrlichen und Menschen zu Ihm zu führen.
Und er muss sich den Heiligen Geist zum Vorbild nehmen, indem er Liebe austeilt, indem er den Menschen hilft, sich in die Liebe zu verlieben, ganz aufgegangen in der Liebe sein, durchdrungen von Liebe, das Wort durch die Liebe verbreiten und bezeugen und alle in der Einheit der Dreifaltigkeit zusammenführen, die durch und durch Liebe ist mit allen Folgen, die dies hat. Es kommt auf die Solidarität an in den Einschätzungen, Meinungen und Entscheidungen: alles, Intelligenz und Herz, in der Dreifaltigkeit einen.
Niemand ist seinem Herrn so nahe wie der Diener, der ins Privateste seines Lebens Zugang hat. Insofern bedeutet Dienen Nähe, fordert Vertrautheit.
Diese Vertrautheit birgt auch eine Gefahr: Das Heilige, dem wir immerfort begegnen, wird uns gewöhnlich. Die Ehrfurcht erlischt. Wir spüren durch alle Gewohnheiten hindurch das Große, Neue, Überraschende nicht mehr, dass Er selber da ist, zu uns redet, sich uns schenkt.
Dieser Gewöhnung ans Große, der Gleichgültigkeit des Herzens müssen wir immer wieder entgegentreten, immer neu unsere Armseligkeit erkennen und die Gnade, die es ist, dass Er sich so in unsere Hände gibt.
Das richtige Maß um Gott zu lieben ist, kein Maß zu haben. Diese reine und unbemessene Liebe führt zu einer innigen Gemeinschaft mit Gott. Der freie menschliche Wille und die von Gott geschenkte Liebe begegnen und berühren sich.
Wann ist es möglich, diesen Impuls zu erfahren, bei dem sich der Geist, trunken vor Liebe zu Gott und selbstvergessen, (…) ganz zu Gott aufschwingt, mit ihm zu einem Geist wird und ruft: „Mein Fleisch und mein Herz sind nicht mehr; Gott ist für immer ein Teil meines Herzens und Teil meiner selbst“?
Ich zögere nicht, denjenigen selig und heilig zu nennen, dem eine solche Erfahrung als sterblicher Mensch zuteil wird, vielleicht seltene Male oder auch nur ein einziges Mal, und das ganz flüchtig, fast im knappen Zeitraum eines einzigen Augenblicks. Denn dich selbst zu verlieren, als ob du nicht existieren würdest, ganz leer zu werden von dir und quasi ein Nichts, bedeutet schon im Himmel verankert zu sein.
Alle Heiligen und die großen Glaubenszeugen sind sich einig über die Bedeutung der Gegenwart. Jeden Moment ihres Lebens leben sie vereint mit Jesus ihrem jeweiligen persönlichen Ideal entsprechend, das sich in ihrem Wesen verkörpert. Für Ignatius von Loyola ist es das “Ad maiorem Dei gloriam – Zur größeren Ehre Gottes” für Elisabeth von der Dreifaltigkeit das „In laudem gloriae – Zum Lobe seiner Herrlichkeit“, für Johannes Bosco das „Da mihi animas – Gib mir Seelen“, für Mutter Teresa das „Barmherzigkeit üben“. Für Raul Follereau ist es der “Jesus in den Leprakranken” und für Jean Vanier der „Jesus in den geistig Behinderten“....
Indem sie ihr Ideal im gegenwärtigen Augenblick verkörpern, leben die Heiligen ein Leben, das sich in seinem Wesenskern verwirklicht. Der Heilige Paul vom Kreuz schreibt: „Glücklich die Seele, die in sinu Dei – im Schoße Gottes – ruht, ohne an die Zukunft zu denken, sondern sich darum bemüht, Moment für Moment in Gott zu leben, und deren einzige Sorge darin besteht, seinen Willen in jedem Ereignis gut zu erfüllen.“
Und Theresia von Lisieux bekräftigt: “Mein Leben ist ein Blitz, eine Stunde, die vorübergeht, es ist ein Moment, der mir schnell entrinnt und verschwindet. Du weißt es, mein Gott, dass mir, um dich auf Erden zu lieben, nur das Heute bleibt“.
Wie schön ist Maria in ihrer beständigen Sammlung, in der das Evangelium sie uns zeigt; „Sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“. Dieses erfüllte Schweigen hat etwas Faszinierendes für den, der liebt.
Wie kann ich in meinem Leben das Scheigen Marias nachahmen, wenn wir doch berufen sind, bisweilen das Wort zu ergreifen, um das Evangelium zu verkünden (…)?
Auch Maria hat gesprochen. Sie hat der Welt Jesus gegeben. Niemand war ein größerer Apostel als sie. Keiner hatte je Worte wie sie: sie gab der Welt das Mensch gewordene Wort. Zu Recht ist Maria die „Königin der Apostel“.
Und sie hat geschwiegen. Sie schwieg, weil nicht beide gleichzeitig sprechen konnten. Wie ein Gemälde die Leinwand braucht, braucht jedes Wort als Untergrund das Schweigen. Maria schwieg, weil sie Geschöpf war. Das Nichts spricht nicht. Auf diesem Nichts aber sprach Jesus, und er sagte – sich selbst. Gott, der Schöpfer und Herr, sprach auf dem Nichts des Geschöpfes.
Wie kann ich also Maria leben? Wie kann mein Leben etwas von ihrem Glanz gewinnen? – Ich lasse das Geschöpf in mir still werden, damit auf diesem Schweigen der Geist Gottes sprechen kann. So lebe ich Maria, so lebe ich Jesus auf dem Hintergrund Mariens. Ich lebe Jesus, indem ich Maria lebe.
Das Einswerden mit Christus setzt Verzicht voraus. Es schließt ein, dass wir nicht unseren Weg und unseren Willen durchsetzen wollen. Nicht dies oder jenes werden möchten, sondern uns ihm überlassen, wo und wie er uns brauchen will. (…)
Im Ja der Priesterweihe haben wir diesen grundlegenden Verzicht auf das Selber-sein-Wollen, auf das Sich-selbst-Verwirklichen vollzogen. Aber dieses große Ja muss in vielen kleinen Ja und in kleinen Verzichten Tag um Tag eingelöst werden. Ohne Bitterkeit und ohne Selbstbemitleidung kann dieses Ja kleiner Schritte, die zusammen das große Ja ausmachen, nur möglich werden, wenn Jesus Christus wirklich die Mitte unseres Lebens ist. Wenn wir wirklich mit ihm vertraut werden. Denn dann erleben wir mitten in Verzichten, die zunächst schmerzen mögen, die wachsende Freude der Freundschaft mit ihm, all die kleinen und manchmal auch großen Zeichen seiner Liebe, die er uns fortwährend schenkt. „Wer sich verliert, findet sich.“ Wenn wir es wagen, uns für den Herrn zu verlieren, erfahren wir, wie wahr sein Wort ist.
Es tut Not, im eigenen Leben mithilfe der göttlichen Gnade die Einheit zu verwirklichen. Jeder Tag ist ein Kampf sie zu verteidigen, zu vertiefen und neu zu finden.
Ein Christ kann zwei grundlegende und entscheidende Pole der inneren Einheit wählen:
- das eigene Leben mit dem göttlichen Leben der uns innewohnenden Dreifaltigkeit zu vereinen und
- uns mit Christus zu vereinen, in dessen mystischen Leib wir durch die Taufe eingegliedert sind.
Diese beiden Pole können uns, nacheinander und miteinander genommen, sehr darin unterstützen, uns vor der Zerstreuung zu bewahren, die uns üblicherweise im Laufe des Tages überfällt (…).
Die Erfahrung lehrt uns, dass wir trotz der besten Absichten und der glühendsten Appelle zur Einheit, am Ende des Tages zerrissen sind, nachdem wir uns Stunde um Stunde verloren haben. Nehmen wir dann ruhig und mit innerem Frieden zur Kenntnis, dass wir Geschöpfe aus Staub sind, und versuchen wir vor dem Einschlafen zur Einheit zurück zu finden. Wenn uns dies nicht gelingt, schlafen wir trotzdem ruhig und voll Vertrauen ein, wissend dass wir die Morgenmesse dazu nutzen können, neu der Dreifaltigkeit und besonders Jesus Christus zu begegnen.
Jenseits des guten Gottes… hat nichts Bestand, nichts, nichts! Das Leben geht vorbei, das Glück verlässt uns, die Gesundheit nimmt ab, der Ruf verdirbt. Wir gehen dahin wie der Wind…. Alles nimmt seinen Lauf, alles fällt ins Nichts zurück.
Oh, mein Gott, mein Gott, wie sehr sind die zu bemitleiden, die sich an alles hängen!.... Sie hängen sich an etwas, weil sie sich zu sehr lieben; doch ihre Liebe ist nicht angemessen. Sie lieben aus Eigenliebe und aus weltlicher Liebe und suchen sich und suchen die Geschöpfe mehr als Gott. Deshalb sind sie nie zufrieden, nie ruhig; sie sind immer unstet, immer geängstigt, immer aufgelöst.
Während meiner langen Qual von neun Jahren Isolationshaft, in einer Zelle ohne Fenster, manchmal tagelang elektrischem Licht ausgesetzt, manchmal in der Finsternis, hatte ich das Gefühl, in der Hitze und Feuchtigkeit zu ersticken, und ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren. (…) Ich konnte nicht schlafen. Der Gedanke, die Diözese verlassen zu müssen, so viele Werke, die ich für Gott begonnen hatte, zugrunde gehen zu lassen, folterte mich. (…)
Eines Nachts hörte ich aus der Tiefe meines Herzens eine Stimme, die zu mir sagte: „Warum quälst du dich so? Du musst unterscheiden zwischen Gott und den Werken Gottes. Alles, was du begonnen hast und fortsetzen möchtest – Pastoralbesuche, Ausbildung von Seminaristen, Ordensleuten, Laien, Jugendlichen, der Bau von Schulen, von Foyers für Studenten, Missionen für die Evangelisierung der Nichtchristen… all das ist ein ausgezeichnetes Werk, es sind Werke Gottes, aber sie sind nicht Gott! Gott (…) wird seine Werke anderen anvertrauen, die wesentlich fähiger sind als du. Du hast allein Gott gewählt, nicht seine Werke!“
Dieses Licht hat mir einen neuen Frieden gebracht….
Die Nachfolge Jesu Christi bedeutet, dass wir uns unmittelbar auf einen Weg begeben müssen und können, der die natürliche Schwerkraft außer Kraft setzt, die Schwerkraft des Egoismus, des Materialismus und der höchsten Lustbefriedigung, die mit Glück verwechselt wird.
Die Nachfolge ist ein Weg durch bewegte, Sturm gepeitsche Wasser, den wir nur zurücklegen können, wenn wir uns im Gravitationsfeld der Liebe Jesu Christi befinden, den Blick auf Ihn gerichtet und gestützt durch die neue Schwerkraft der Gnade. Diese ermöglicht uns den Weg zur Wahrheit und zu Gott, den wir mit unseren Kräften allein nicht gehen könnten.
Und die Guten freut es, von vergangenem Schlechten bei denen zu hören, die nun frei davon sind, und was sie freut, ist nicht das Schlechte, sondern dass es vorüber und nicht mehr da ist. (…)
Aber was bezwecken sie damit [meine Bekenntnisse zu erfahren]? Wollen sie das Glück mit mir teilen, wenn sie hören, wie nahe ich Dir komme dank Deiner Gnade, und beten für mich, wenn sie hören, wie weit ich noch zurück bin durch die eigene Schwere? Ja, denen will ich mich offenbaren.
Denn nicht gering ist die Frucht, Herr, mein Gott, wenn „Dir von vielen Dank gesagt wird um meinetwillen“ und von vielen für uns gebetet wird. Möchte Brudersinn an mir lieben, was Du als liebenswert ihm zeigst, und an mir beklagen, was Du als beklagenswert ihm zeigst. Das tue der wahrhaft brüderliche Sinn, der nicht von draußen ist, nicht der „von fremden Kindern, deren Mund Nichtigkeit redet und deren Rechte die Rechte der Bosheit ist“, nein, jener Brudersinn, dem ich, wo er loben kann, zur Freude bin, aber zur Betrübnis, wenn er mich tadeln muss.
Denn ob er mich lobt oder tadelt, er tut es mir zu Liebe. Ja, solchen will ich mich offenbaren.
Wer Jesus nachfolgt, tut dies nicht, um ein Haus zu bewohnen (ein Pfarrhaus zum Beispiel) oder im Schutz eines Geheges zu leben. Wer Jesus folgt, folgt Gott – und hat keinen Ort außer Gott selbst.
Was einerseits aufgrund des umfassenden Verzichtes negativ erscheinen mag, kann aber auch als etwas in erster Linie Positives erachtet werden. Alle Orte der Welt, alle Häuser der Welt gehören uns, denn der Menschensohn ist der Herr über das Universum. Sein Haus kann nicht das kleine Haus einer kleinen Stadt sein. Wer Jesus folgt, findet überall sein Haus, findet überall seine Stadt und damit auch überall seine Familie und seine Heimat.
Das ist ein großartiger Aspekt der Berufung: wir folgen Jesus nicht an einen bestimmten Ort oder zu einer besondere Wohnstatt, wir folgen Jesus um mit ihm seine Jünger und seine Geschwister im ganzen Universum zu sein.
Es ist bekannt, dass die evangelischen Räte zu lange Zeit als ein privates Vorrecht für Menschen Gott geweihten Lebens betrachtet wurden. Es hieß: „Schön, die evangelischen Räte, aber für Ordensleute; für uns Christen – oder für uns Diözesanpriester -, die mitten in der Welt leben, braucht es einen anderen Stil, eine andere Spiritualität“.
Die evangelischen Räte jedoch sind nicht eine, wenigen vorbehaltene, fromme Übung oder asketische Erfindung, sondern vielmehr verpflichtende und lebenswichtige Durchgangsmomente, ein authentisches Zeugnis des Lebens dafür, dass wir die Einladung aufgegriffen haben, Jünger Jesu zu sein, eben als Christen.
Es war nichts Theoretisches für Jesus, wenn er sagte: „Wer mir nachfolgen will und nicht Vater, Mutter, Geschwister, Frau, Kinder, Felder…. lässt; wer sich und sein Leben nicht gering achtet, kann nicht mein Jünger sein“. (…) Es ist für ihn die Grundvoraussetzung, um das Abenteuer seiner Nachfolge zu beginnen. Wenn wir echte Jünger Jesu sein wollen, dürfen wir die evangelischen Räte auf unserem Weg nicht ignorieren.
Der priesterliche Zölibat ist ein Geschenk, das auf das Leben im Himmel vorbereitet. Das Größte, was eine Person Jesus am Tag ihrer Priesterweihe anbieten kann, ist ein jungfräuliches Herz und einen jungfräulichen Körper. Das verstehen wir unter priesterlichem Zölibat. Er ist Ausdruck der jungfräulichen Liebe Christi zu seiner Kirche, die von den Priestern vertreten wird. Die Kirche ist Leib Christi und Braut Christi.
Der Zölibat drückt nicht nur unsere Fähigkeit zu geben aus, sondern noch viel mehr unsere Fähigkeit zu empfangen, nämlich das Geschenk Gottes und die Entscheidung für Gott. Denkt ehrfürchtig darüber nach, was es heißt, dass der Schöpfer des Universums Zeit für euch, seine kleinen Geschöpfe, hat.
Der priesterliche Zölibat schafft einen Leerraum, der es erlaubt, ein weiteres wunderbares Geschenk anzunehmen, das nur Jesus machen kann, das Geschenk der göttlichen Liebe. Jesus schenkt sich selbst in einer persönlichen und lebenslangen Freundschaft, voll Zärtlichkeit und Liebe. Nichts kann seine Treue untergraben. Er wird treu bleiben.