








Wenn ich ein Erinnerungsstück an deine Passion auswählen dürfte, würde ich die Tonschale mit Schmutzwasser nehmen. Ich würde mit ihr die Welt bereisen, und mich vor jedem Fuß, mit einem Handtuch umgürtet, niederbeugen und meinen Blick nie höher als bis zur Wade erheben, um die Feinde nicht von den Freunden zu unterscheiden, und ich würde die Füße der Obdachlosen waschen, der Gottlosen und Drogensüchtigen, der Gefangenen und Mörder und derer, die mir den Gruß verweigern, sowie die Füße jenes Gefährten, für den ich nicht mehr bete, alles täte ich im Schweigen, damit alle durch meine Liebe die deine erfassen.
Was wäre unser Leben,
wenn wir nicht auf dich blickten,
der du auf wunderbare Weise
alle Bitterkeit in Freude verwandelst,
auf dich am Kreuz, in deinem Schrei,
zwischen Himmel und Erde,
in völliger Untätigkeit,
lebendig tot.
Zur Kälte geworden,
hast du dein Feuer auf die Erde geworfen;
zu Tode erstarrt,
hast du uns dein unendliches Leben geschenkt,
damit wir es jetzt leben,
trunken vor Freude.
Uns genügt,
dir zumindest ein wenig ähnlich zu sein,
unseren Schmerz in deinem zu vereinen
und ihn dem Vater anzubieten.
Damit wir das Licht hätten,
hast du die Dunkelheit erlebt.
Damit wir die Einheit hätten,
hast du die Trennung vom Vater erfahren.
Damit wir die Weisheit besäßen,
bist du „Torheit“ geworden.
Damit wir mit Unschuld bekleidet würden,
bist du zur „Sünde“ geworden.
Damit Gott in uns wäre,
hast du die Ferne von ihm erfahren.
Du sollst deinen Bruder nicht verurteilen, seine Niedertracht nicht Gottlosigkeit nennen, ihn nicht einfach beschuldigen oder zurückweisen, da du dich doch zur Milde bekennst! Erweise dich demütig, soweit es geht; dann ziehst du den Bruder dir selbst vor, ohne dass du Schaden nimmst, denn wenn du ihn verurteilst oder missachtest, entfremdest du ihm Christus und damit die einzige Hoffnung, die es gibt. Es hieße, das verborgene Korn mit dem Unkraut auszureißen, und das Korn ist möglicherweise kostbarer als du selbst.
Im Gegenteil, korrigiere dich gemeinsam mit ihm – Sanftheit und Milde gebrauchend und nicht wie ein Feind oder rigoroser Arzt, der die Wunde ausbrennt oder das Ungute abschneidet – und erkenne dich selbst und deine Schwachheit.
Was ist, wenn du triefäugig oder anderweitig augenkrank, die Sonne nicht mehr klar sehen kannst? Oder wenn sich alles vor deinen Augen dreht, weil dir schwindlig ist oder du betrunken bist? Sind die andern daran schuld? Bevor man jemand als gottlos bezeichnet, muss man reichlich nachdenken und leiden!
Ich wünsche uns Osteraugen,
die im Tod bis zum Leben,
in der Schuld bis zur Vergebung,
in der Trennung bis zur Einheit,
in den Wunden bis zur Herrlichkeit,
im Menschen bis zu Gott,
in Gott bis zum Menschen,
im Ich bis zum Du
zu sehen vermögen.
Und dazu alle österliche Kraft!
Den Tod Jesu als Opfer zu interpretieren, wurde im Glaubensleben immer geläufiger, weil es notwendig erschien, um den tiefen Wert dieses Ereignisses verständlich zu machen. Beim näheren Hinsehen wurde klar, dass es nicht ohne eine vollständig neue Herausarbeitung des Opfergedankens ging. Statt um eine rituelle, Tierblut verwendende Zeremonie handelte es sich jetzt um ein schrecklich reales und historisches Ereignis, in dem Jesus sein ganzes Menschsein eingesetzt hat auf dem Weg des Gehorsams gegenüber Gott und der Selbsthingabe an seine Brüder und Schwestern bis in den Tod hinein.
Ein solches „Opfer“ war keine rituelle Handlung um ein Opfertier zu „heiligen“, sondern es war der Mensch an sich, der in Jesus unter den verschiedensten Aspekten umgewandelt wurde: Der Mensch wurde in eine neue Beziehung mit Gott, in der Herrlichkeit, hinein genommen und hat gleichzeitig die Befähigung zur Gemeinschaft mit andern Menschen erhalten. So wurde der neue Bund Wirklichkeit.
Die Entwicklung einer priesterlichen Christologie (Hebr) und der Entwurf einer priesterlichen Ekklesiologie (1 Petr) stellen unter Beweis, wie tief greifend sich das Verständnis von Kult und Priestertum gewandelt hat: anstatt den formalen Ritus in den Vordergrund zu stellen, legt man nun, vor allem andern, Wert auf eine existenzielle Verankerung. Das Priestertum Christi äußert sich nicht in einer Zeremonie, sondern in einem Ereignis, in der Hingabe seines Lebens.
Das Priestertum der Kirche besteht nicht in der Feier von Zeremonien, sondern in der Umwandlung der realen Existenz durch die Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes und für die Impulse der göttlichen Liebe. Von diesem ausgesprochen christlichen Standpunkt aus gesehen stehen die geweihten Priester im Dienst am allgemeinen Priestertum und nicht umgekehrt.
Am Kreuz, so sagt der hl. Paulus, riss Christus die trennende Wand nieder. Er gibt uns seinen Leib und vereint uns so in diesem seinem Leib, um uns eins werden zu lassen.
In der Gemeinschaft des »Leibes Christi« werden wir alle zu einem einzigen Volk, dem Volk Gottes, wo – um noch einmal den hl. Paulus zu zitieren – alle eins sind und es keine Trennung, keinen Unterschied mehr gibt zwischen Griechen und Juden, Beschnittenen und Unbeschnittenen, Fremden, Skythen, Sklaven, Juden, sondern Christus alles und in allen ist.
Er hat die trennende Wand zwischen Völkern, Rassen und Kulturen niedergerissen: Wir alle sind in Christus vereint.
Die Messe ist die zentrale und ursprüngliche Handlung der christlichen Gemeinschaft. In ihr werden die einzelnen Getauften zur „Ecclesia“ geformt, sie handeln als ein Leib und sammeln sich als organische Einheit – in priesterlicher Weise – vor dem Altar, um das höchste Opfer darzubringen. In der Messe verwirklichen sie die direkte Kommunikation mit ihrem Haupt durch die Gemeinschaft untereinander und dadurch mit Gott.
In der Messe wird aus vielen Herzen das eine Herz. Einzelpersonen verschmelzen auf mystische Weise und spüren, dass ihre Vitalität und Solidarität ihre gemeinsame Wurzel in Gott hat. Sie leben in Gemeinschaft mit dem Göttlichen. Sie bilden einen Zusammenhalt – den christlichen Leib – der, aufgrund der Handlung eines seiner Diener, Gott zu den Menschen bringt und den Menschen zu Gott erhebt. So fließen in die wandernde Menschheit göttliche, sakramentale Kräfte ein. Das Evangelium wird verständlich. Durch das Feuer auf dem Altar wird die eigene Trägheit und Anfälligkeit für Versuchungen verbrannt.
Was die Sonne für die Geschöpfe und den Erdkreis bedeutet, ist die Eucharistie für den Menschen und die Gesellschaft. Ohne die Sonne gäbe es kein Leben.
Wie das Tageslicht der höchsten Sonne gehorcht und ihr unterliegt, so erleuchtet das göttliche Wort, Jesus Christus, alle Menschen, die auf die Erde kommen. Durch die Eucharistie, das Sakrament des Lebens, wirkt er in ihrem Innern, in ihre Familien und Völker hinein.
Die christliche Gemeinschaft ist wie eine Familie, deren Glieder durch die Eucharistie miteinander verbunden sind. Die eucharistische Gemeinschaft enthüllt mehr über unseren Herrn als alles Nachdenken. Denn hier treten wir in eine äußerst enge Beziehung zu ihm, in eine Beziehung, die uns das wahre Verständnis dafür schenkt, was ihn auszeichnet. So kommt Jesus immer mehr zum Vorschein.
Das Wort ruft die Gemeinschaft zusammen, und die Eucharistie macht sie zu einem Leib. Der hl. Paulus schreibt: »Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot« (1 Kor 10,17).
Die Kirche ist also nicht das Resultat einer Summe von Individuen, sondern die Einheit jener, die von dem einen Wort Gottes und von dem einen Brot des Lebens genährt werden.
Die Gemeinschaft und die Einheit der Kirche, die aus der Eucharistie entstehen, sind eine Wirklichkeit, die wir uns immer mehr zu Bewusstsein bringen müssen, auch beim Empfang der heiligen Kommunion. Wir müssen uns immer stärker bewusst werden, dass wir in die Einheit mit Christus eintreten und so unter uns eins werden.
Wir müssen immer wieder lernen, diese Einheit zu wahren und sie gegen Rivalitäten, Streit und Eifersüchteleien, die innerhalb der kirchlichen Gemeinschaften und zwischen ihnen entstehen können, zu verteidigen.
Jedes Geschöpf muss sich nähren, um leben zu können. So hat der gute Gott Bäume und Pflanzen wachsen lassen; alle Tiere finden in der Natur, wie an einem reichlich gedeckten Tisch, die Nahrung, die sie brauchen.
Auch die Seele muss sich nähren…. Als Gott nach einer Nahrung für unsere Seele suchte, um sie für den irdischen Pilgerweg zu stärken, fand er in der Schöpfung nichts, was ihr würdig gewesen wäre. So griff er auf sich zurück und beschloss, sich selbst zu geben….
O meine Seele, wie groß bist du! Nur Gott kann dich sättigen.
Warum versammelten sich die Pilger wie ein Herz und eine Seele um den Altar, an dem der Pfarrer von Ars die Eucharistie feierte? Und warum waren die Menschen, die die Messe mit Pater Pio in San Giovanni Rotondo feierten, fasziniert von dem Geheimnis, das sich vor ihren Augen abspielte, und merkten nicht, wie die Zeit verging?
Sie sahen Priester, die sich mit Jesus am Kreuz identifiziert hatten, sodass sie wie Paulus sagen konnten: „Ich ergänze in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, die Kirche (Kol 1, 24)!
Bei jeder Messe sind wir, wie der Pfarrer von Ars und Pater Pio, von der ganzen Welt mit ihren Sünden und den Leiden der ganzen Menschheit umgeben, eben mit den Orten, an denen "Gott weint". Alles können wir, dort auf dem Altar, dem gekreuzigten Jesus anvertrauen.
"Accipite et manducate ... Accipite et bibite ..." Die Selbst-Verschenkung Christi, die ihren Ursprung im trinitarischen Leben des Gottes der Liebe hat, erreicht ihren höchsten Ausdruck im Opfer am Kreuz, dessen sakramentale Vorausnahme das Letzte Abendmahl ist.
Wir können die Konsekrationsworte nicht wiederholen, ohne dass wir uns in diese geistliche Haltung einbegriffen wissen. In einem gewissen Sinn muss der Priester lernen, auch von sich selbst in Wahrheit und mit Großmut zu sprechen: »nehmet und esset«. Tatsächlich hat sein Leben Sinn, wenn er es versteht, sich zu einer Gabe zu machen, indem er sich der Gemeinschaft zur Verfügung stellt und sich in den Dienst eines jeden begibt, der ihn braucht.
Genau dies ist es, was Jesus von seinen Jüngern erwartete, wie der Evangelist Johannes in seinem Bericht von der Fußwaschung hervorhebt. Dies ist es, was auch das Gottesvolk vom Priester erwartet. (…) Der Priester verwirklicht am eigenen Leib jenes »nehmet und esset«, mit dem Christus selbst sich beim Letzten Abendmahl für die Kirche hingegeben hat.
Die Eucharistie muss uns Schule des Lebens werden, in der wir lernen, unser Leben zu geben. Das Leben gibt man nicht erst im Augenblick des Todes und nicht nur in der Weise des Martyriums.
Wir müssen es geben, Tag um Tag. Tag um Tag gilt es zu erlernen, dass ich mein Leben nicht für mich selber habe. Tag um Tag gilt es zu lernen, mich loszulassen; mich zur Verfügung zu halten für das, wofür er, der Herr, mich gerade braucht, auch wenn mir anderes schöner oder wichtiger erscheint.
Das Leben geben, nicht nehmen. Gerade so erfahren wir Freiheit. Freiheit von uns selbst, die Weite des Seins. Gerade so, im Gebrauchtwerden, dadurch dass wir jemand sind, der in der Welt gebraucht wird, wird unser Leben wichtig und schön. Nur wer sein Leben gibt, findet es.
Welch unglaubliche Zahl von Märtyrern! Sie haben ihr Leben gegeben für Reinheit und für Gerechtigkeit. Es waren Kinder, Frauen und Männer, ja ganze Völker. Sie ergeben zusammen ein großartiges Bild: vor unseren Augen zeigt sich uns ein sanftmütiges, demütiges, gewaltfreies Christentum, das sich dem Bösen widersetzt, das schwach ist und zugleich stark durch einen Glauben, der über den Tod hinaus geliebt und festgehalten wurde. Diese Märtyrer sind die Hoffnung im neu beginnenden Jahrhundert.
Wir Christen des 21. Jahrhunderts sind ihre geistigen Erben: Wir dürfen ihr Beispiel aufnehmen und annehmen. Ihr Vorbild will uns Tag für Tag leiten in den kleinen und großen Schwierigkeiten, im Verzicht auf jede Form von Aggressivität, von Hass und Gewalt. Das Erbe der Märtyrer wird täglich durch die Liebe, die Sanftmut und die Treue bewahrt. Isaak der Syrer schrieb einmal: „Lass dich verfolgen, aber du verfolge niemand. Lass dich kreuzigen, aber du kreuzige niemand. Lass dich schmähen, aber du schmähe niemand.“
Im Zusammenleben mit den Menschen und den Kulturen in Asien habe ich immer mehr verstanden: Das Wesentliche ist Leben, das Leben teilen, nicht so sehr Reden halten Es wurde wichtig für mich, gewisse Ideen und Überlegungen durch die Erfahrung zu „erden“ (…).
Wir waren eine Handvoll Menschen, wie ein kleiner Same, aber sagten uns jeden Tag neu: „Wir wollen so leben, dass Jesus unter uns lebendig sein kann.“ Die Anwesenheit des auferstandenen Jesus in unserer Gemeinschaft war für uns das zentrale Motiv, um zusammen zu kommen, uns immer wieder daran begeben, das Wort Gottes zu leben, unsere Erfahrungen auszutauschen und füreinander da zu sein (…).
Angesichts der überreichen religiösen Kulturen dieser Völker habe ich mir gesagt: (…) Weder Theorien noch Philosophien reichen aus, kulturelle Überlegungen greifen nicht, wenn es uns nicht gelingt, den Auferstandenen lebendig unter uns erfahrbar zu machen (…).
Mehr denn je glaube ich, dass wir zum Wesentlichen zurückfinden müssen: Es gilt neu zu erschließen, dass auch heute wie damals, zu Beginn des Christentums, der auferstandene Jesus das Kerygma schlechthin ist. Eine andere Botschaft braucht es nicht.
Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.
Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und seid zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen. Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen.
Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.
Gott hat uns nicht geschaffen, damit wir in den Grenzen der Natur bleiben oder einsam unser Geschick erfüllen. Er hat uns geschaffen, damit wir gemeinsam in Sein dreifaltiges Leben eingehen. Jesus Christus hat sich als Opfer dargebracht, damit wir alle in der Einheit der göttlichen Personen eins werden. Das soll die „Zusammenfassung“, die „Wiedergeburt“, und die „Vollendung“ von allem sein, und alles, was uns davon ablenkt, ist trügerisch.
Schon hienieden gibt es aber einen Ort, wo die Sammlung aller in der Dreifaltigkeit beginnt. Eine „Familie Gottes“, eine geheimnisvolle Ausdehnung der Dreifaltigkeit in der Zeit gibt es, die uns nicht allein auf dieses Einheitsleben vorbereitet und es fest zusichert, sondern uns bereits daran teilnehmen lässt. Als einzige völlig „offene“ Gesellschaft entspricht sie allein unserem inneren Wollen, und nur in ihr können wir uns endlich voll entfalten. „De unitate Patris et Filii et Spiritus sancti plebs adunata“ (Cyprian): das ist die Kirche. Sie ist „von der Dreifaltigkeit erfüllt“ (Origines).
Wir sind aufgerufen, Gott in uns wieder Leben zu schenken, ihn zu nähren und ihn auf die anderen überfließen zu lassen, wie einen Lebensstrom, der Tote zum Leben erweckt. Und ihn unter uns lebendig halten durch die gegenseitige Liebe.
So geschieht tief greifender Wandel in allen Bereichen: in der Politik und in der Kunst, im Schulwesen, in der Glaubenspraxis, im privaten Leben und auf dem Unterhaltungssektor. In allem. Christus ist der Mensch schlechthin, der vollkommene Mensch, der in sich alle Menschen vereint. In ihm ist jede Wahrheit enthalten.
Und wer diesen Menschen gefunden hat, hat die Lösung für jedes Problem gefunden, ob es um den Menschen oder um Gott geht. Es genügt, ihn zu lieben.
Die irdischen Wirklichkeiten sollen – so sehen das wir Christen – nicht im Nichts verschwinden: sie sollen wieder gewonnen werden, damit sie in den großen Strom gelangen, der die ganze Schöpfung zu Gott hinzieht (…).
Es wäre naiv zu denken, diese Art der Evangelisierung ginge glatt und ohne tiefe Auseinandersetzungen. Sie gehören noch zu sehr in den Machtbereich des „Fürsten dieser Welt“, der nicht daran denkt, von seiner Beute zu lassen!
Glauben wir ernsthaft, die Welt der Arbeit könnte ohne Kraftanstrengungen auf Christus ausgerichtet werden? Glauben wir ernsthaft, die Welt des Kapitals ließe sich leicht zum Evangelium bekehren? Und wie steht es in diesem Zusammenhang mit der Politik, der Wissenschaft und der Kunst?
Damit Gnade und Natur miteinander versöhnt werden, muss die Heiligkeit die ganze moderne Welt durchdringen. Das wird nur gelingen, wenn es heilige Laien gibt. Bei Heiligen denke ich an Menschen, die sich Christus überantwortet haben, die sich von seiner Liebe erfüllen und von seinem Geist führen lassen. Brauchen wir nicht Arbeiter, Bauern oder auch Unternehmer und Künstler, die heilig mäßig leben?
Ich versuche nicht, Herr, Deine Tiefe zu durchdringen, denn auf keine Weise stelle ich ihr meinen Verstand gleich; aber mich verlangt, Deine Wahrheit einigermaßen einzusehen, die mein Herz glaubt und liebt. Ich suche ja auch nicht einzusehen, um zu glauben, sondern ich glaube, um einzusehen. Doch auch das glaube ich: „Wenn ich nicht glaube, werde ich nicht einsehen.“ (...)
Ich bitte, Gott, lass mich Dich erkennen, lass mich Dich lieben, um mich an Dir zu erfreuen. Und wenn ich (es) in diesem Leben nicht bis zur Vollendung kann, so lass mich wenigstens Tag für Tag voranschreiten, bis es zur Vollendung kommt. Es schreite voran hier in mir das Wissen um Dich – und dort werde es vollkommen; es wachse die Liebe zu Dir – und dort sei sie vollkommen, auf dass hier meine Freude sei in der Hoffnung groß und dort in der Wirklichkeit vollkommen.
Braucht es heute nicht gerade das folgende Zeugnis, nämlich dass wir als Einzelne in der Freude des Auferstandenen leben, dass wir als Kirche in einer gesellschaftlichen Dynamik der Dreifaltigkeit leben (als ein Stück erlöste und auferstandene Menschheit), damit die Milliarden Menschen, die noch nicht das Licht der Offenbarung empfangen haben, ausrufen können: „Es stimmt! Das Leben der Christen ist schöner, zufrieden stellender, lohnender und kreativer als das unsere“?
Oder müssen wir den Lukas der Apostelgeschichte sowie den Autor des Briefes an Diognet einen Phantasten nennen, wenn dieser schreibt, dass das Leben der Christen, obwohl es sich auf Erden abspielt, „die außerordentlichen und wahrhaft paradoxen Gesetze ihrer geistlichen Republik enthüllt“.
Christus offenbart uns, dass das göttliche Leben dreifaltige Gemeinschaft ist. Vater, Sohn und Geist leben in einer vollendeten Gemeinschaft der Liebe, des höchsten Mysteriums der Einheit, und von dort gehen alle Liebe und alle Gemeinschaft aus, die Grundlage für die Würde und Größe der menschlichen Existenz sind. (…)
Die Gemeinschaft, die unter den Menschen aufgebaut werden soll, umfasst das Sein bis auf den Grund ihrer Liebe, und muss sich im ganzen Leben offenbaren, sowohl in seiner wirtschaftlichen, sozialen wie auch politischen Dimension.
Um die Gesellschaft menschlicher, der menschlichen Person würdiger zu machen, muss die Liebe im sozialen Leben – auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene – neu bewertet und zur beständigen und obersten Norm des Handelns erhoben werden. Wenn die Gerechtigkeit in der Lage ist, „zwischen den Menschen nach Gebühr ‚Recht zu sprechen’, wenn sie die Sachgüter verteilen und tauschen, so ist die Liebe und nur die Liebe (auch jene gütige Liebe, die wir als ‚Erbarmen’ bezeichnen) fähig, den Menschen sich selbst zurückzugeben“ (vgl. Dives in Misericordia 14).
Die menschliche Beziehungen können nicht einfach durch die Gerechtigkeit geregelt werden: „Der Christ weiß, das die Liebe der Grund ist, weshalb Gott mit dem Menschen in Beziehung tritt. Und ebenso ist es die Liebe, die Gott sich als Antwort vom Menschen erwartet. Die Liebe ist darum auch die erhabenste und vornehmste Beziehungsform der Menschen untereinander. Die Liebe soll daher jeden Bereich des menschlichen Lebens beseelen und sich desgleichen auf die internationale Ordnung ausdehnen. Nur eine Menschheit, in der die ‚Zivilisation der Liebe’ herrscht, wird sich eines wahren und bleibenden Friedens erfreuen können“ (vgl. Johannes Paul II., Botschaft zum Weltfriedenstag 2004).
Auf diese Weise werdet Ihr, liebe junge Seminaristen und Ordensleute, selbst lebendige Altäre werden, wo Christi Opferliebe als Inspiration und Quelle geistlicher Nahrung für alle, denen Ihr begegnet, gegenwärtig wird.
Indem Ihr den Ruf des Herrn angenommen habt, ihm in Keuschheit, Armut und Gehorsam zu folgen, habt Ihr die Reise einer radikalen Jüngerschaft angetreten, die Euch für viele Eurer Zeitgenossen zu einem „Zeichen“ machen wird, „dem widersprochen wird“ (vgl. Lk 2,34).
Gestaltet Euer Leben täglich nach dem Beispiel der liebevollen Selbsthingabe des Herrn im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters. Auf diese Weise werdet Ihr die Freiheit und die Freude entdecken, die andere zu der Liebe hinziehen kann, die über jeder anderen Liebe liegt als deren Quelle und letzte Erfüllung. Vergesst niemals, dass die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen bedeutet, ein ganz der Liebe gewidmetes Leben zu ergreifen.
Die Tugend der Hoffnung - dieses Sichersein, dass Gott uns mit seiner Vorsehung und seiner Allmacht leitet und uns alle notwendigen Mittel gibt - vergegenwärtigt uns die immerwährende Güte des Herrn gegenüber den Menschen, dir und mir gegenüber: Er ist immer bereit, uns zu hören, und nie wird Er müde, sich uns zuzuwenden.
Er will alles von dir hören: deine Freuden, deine Erfolge und deine Liebe genauso wie deine Nöte, dein Leid und dein Versagen. Hoffe deshalb auf Ihn nicht nur dann, wenn du auf deine Schwäche stößt; wende dich an deinen Vater im Himmel in guten und in schlimmen Lagen, suche unentwegt den Schutz seiner Barmherzigkeit.
Es bedarf keiner großen Demut, um wahrzunehmen, dass wir nichts sind, nur eine lange Reihe von Nullen; und doch verwandelt sich diese Einsicht in eine unwiderstehliche Kraft, denn links von den Nullen steht Christus: welch unermessliche Zahl! Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten (Ps 26,1)?
Gott braucht für seine Kirche nicht die Großen, sondern die Kleinen, und jeder, der seinen Ruf versteht, wird klein werden und Freund der Kleinen. (…)
Nur eine Kirche, die zu Gott zu rufen versteht, wird den Ruf von Gott hören können. Nur wenn wir zu Gott selber beten, werden wir von Gott hören, was er uns zu sagen hat, von Gott empfangen, was er uns zu geben hat. (…)
Schließlich kann Berufung nur wachsen, wo Einheit, gegenseitige Liebe gelingt. So oft fehlt es am Netz der Liebe, der Kommunikation, am konkreten Miteinander, ein welchem der einzelne den Herrn in der Mitte und sich selbst auf seinem Platz beim Herrn und im Ganzen finden kann. Wo das Netz lose und schlaff wird, da fallen jene durch, die es fangen will. Wir brauchen das dichte Netz derer, die an Gottes Ruf glauben, damit Ruf lebbar und auffindbar wird.
Um was bitte ich dich? Liberos! Um Priester, die deine Freiheit frei gemacht hat, die losgelöst sind von allem, vom Vater, der Mutter, den Brüdern und Schwestern, von den Blutsverwandten und Freundschaften dieser Welt; die nichts besitzen, weder Güter, noch Vorwände oder Sorgen, nicht einmal Anhänglichkeiten an den eigenen Willen.
Liberos! Um Menschen, die dir aus Liebe ganz zugewandt sind, die für deinen Willen offen und nach deinem Herzen sind. Die von eigenen Plänen weder abgelenkt noch aufgehalten werden (…), die wie David bewaffnet sind mit dem Stock des Kreuzes und der Schleuder des Rosenkranzes.
Liberos! Um Menschen, die sich wie Wolken über die Erde erheben, gefüllt mit himmlischem Tau und bereit, dorthin zu fliegen, wohin der Hauch des Geistes sie führt. (…)
Liberos! Um Personen, die immer für dich da sind, bereit, wie Samuel, die Anregungen der Vorgesetzten aufzunehmen (…), bereit, wie die Apostel, sich auf den Weg zu machen und alles mit dir und für dich auszuhalten (…).
Liberos! Um wahre Söhne und Töchter Mariens, deiner heiligen Mutter, aus ihrer Liebe gezeugt, in ihrem Schoß getragen und genährt, mit Sorgfalt erzogen, von Gnaden erhalten und reich gemacht (…).
Wann wird diese Sturzflut aus Feuer der reinen Liebe kommen, das du auf der Erde entzünden willst?
Ich bitte dich, du ewige Güte und unaussprechliche Gottheit, erhöre deine Dienerin und schau nicht auf die Vielzahl ihrer Fehler.
Ich bitte dich, sie möge das Herz und den Willen der Amtsträger deiner heiligen Kirche und Braut, dir zuneigen, damit sie dir, dem geopferten, armen, demütigen und sanftmütigen Lamm auf dem Weg des Kreuzes folgen, so wie du es meinst und nicht so, wie sie es sich zurecht legen.
Sie mögen Geschöpfe wie Engel sein; Engel auf Erden, weil sie dem Leib des einzig geborenen Sohnes, des Lammes dienen (…).
Vereinige sie und wasche sie, du göttliches Erbarmen, im ruhigen Meer deiner Güte, damit sie nicht nach mehr Zeit streben und dabei die Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, aufs Spiel setzen, um eine Zeit zu „gewinnen“, die sie nicht haben.
Der Hirte soll jedem einzelnen Menschen durch das Mitleid der Nächste, in seiner Beschaulichkeit allen von Gott her nah sein; er soll sich sowohl mit den Schwachheiten aller übrigen Menschen durch eine Zärtlichkeit der Liebe bekannt machen, als auch durch den hohen Stand seiner Beschaulichkeit, und durch ein heftiges Verlangen nach den unsichtbaren Gütern über sich selbst erheben, damit er weder in dem hohen Fluge seiner Betrachtungen die Gebrechlichkeiten seiner Mitmenschen vergesse, noch bei der Pflege der menschlichen Armseligkeiten den hohen Schwung seines Geistes verliere. (...)
Die Hirten sollen sich auf eine solche Weise benehmen, dass die ihnen Anvertrauten ihnen auch die geheimen Sünden ohne scheue Zurückhaltung eröffnen; ja leiden etwa die Kleinen und Unerfahrenen im Geist schwere Versuchungen, so sollen sie zur Unterweisung des Hirten wie zu dem Schoss einer Mutter Zuflucht nehmen, damit sie, durch die Trostworte des Priesters ermuntert, mit dem Gebet und Tränen der Buße all das abwaschen, worüber sich ihr verunreinigtes Gewissen beunruhigt.